Rudolf Borchardt: Briefe 1895-1906
Text. Bearb. von Gerhard Schuster. 1995, 486 Seiten geb. € 54,-. ISBN 3-446-18012-5.
Briefempfänger: Biblioteca Comunale San Gimignano, Otto Julius Bierbaum, Helene Borchardt, Philipp Borchardt, Robert Martin Borchardt, Robert Borchardt, Vera Borchardt, Otto und Hedwig Deneke, Karoline Ehrmann, Tommaso Gallarati Scotti, Stefan George, Alexander Freiherr von Gleichen-Russwurm, Heinrich Goesch, Ernst Hardt, Insel-Verlag, Königliches Gymnasium Wesel (Adolf Kleine), Alfred Körte, Julius Landmann, Friedrich Leo (an RB), Richard M. Meyer, ›Preußische Jahrbücher‹, Margarete Ruer, Wilhelm Ruer, Berthold Vallentin, Friedrich Wolters, Karl Wolfskehl, Julius Zeitler.
Inhalt: Der erste Band reicht von 1895, dem Jahr des Abiturs, bis zu Borchardts Eheschließung 1906, ein Jahrzehnt der Krisen, das den aus großbürgerlichem Milieu stammenden Studenten von der Universität in Berlin nach Bonn und schließlich nach Göttingen führt und von dort, nachdem er den vorgezeichneten akademischen Berufsweg verlassen hat, nach Italien. Die immer ungestümere gedankliche Absicherung seiner dichterischen Entwürfe vollzieht sich in diesen Briefen an die Eltern und Geschwister, vor allem aber gegenüber Freunden aus dem Kreise Stefan Georges und Hugo von Hofmannsthals, darunter Heinrich Goesch und Karl Wolfskehl, mit denen es bald schon zu heftigen Auseinandersetzungen und schließlich, je mehr sich Borchardt seiner selbst bewußt wird, zum Bruch kommt. Vor allem die Genese seines lyrischen Werkes fällt in diese Jahre, die von wesentlichen Bildungserlebnissen nicht minder geprägt sind als von seinen Erfahrungen im Umgang mit englischer und italienischer Poesie wie auch der einläßlichen Lektüre Dantes. Eine zentrale Stelle kommt 1901/02 dem Liebeserlebnis mit Margarete Ruer zu, der »Vivian« seiner Jugendgedichte, das Borchardt von Anfang an halb als einen fiktiven Brief-Roman inszeniert. Die erhaltenen Briefe an seine spätere Frau, die Malerin Karoline Ehrmann, bilden 1904/05 ein selbstquälerisches Gegenstück. Der Band schließt mit dem Jahr der scheinbaren Konsolidierung dieses unsteten Lebens, nach der Heirat und der Ansiedlung in einem Landhaus bei Lucca. An stilistischer Kraft und Treffsicherheit stehen diese Briefe den zu Recht berühmten großen Aufsätzen Borchardts, dem Essay ›Villa‹ etwa oder den großen Auseinandersetzungen mit Stefan George, in nichts nach. Vielfach liefern sie bereits breit ausgeführte Vorstufen seiner publizistischen Abhandlungen.
Rudolf Borchardt: Briefe 1907-1913
Text. Bearb. von Gerhard Schuster. 1995, 606 Seiten geb. € 54,-. ISBN 3-446-18013-3.
Briefempfänger: Richard Beer-Hofmann, Ernst Bertram, Franz Blei, Ernst Borchardt, Philipp Borchardt, Robert Borchardt, Robert Martin Borchardt, Rose Borchardt, Martin Buber, Tommaso Gallarati Scotti, Benno Geiger, Alexander Freiherr von Gleichen-Rußwurm, Alfred Walter von Heymel, Josef Hofmiller, Insel-Verlag, Anton Kippenberg, Julius und Edith Landmann, Gustav Pauli, Piper-Verlag, Walther Rathenau, ›Süddeutsche Monatshefte‹, ›Die weißen Blätter‹, Hans Rosenberg, Vera Rosenberg geb. Borchardt, Gideon Karl Sarasin, Herbert Steiner, Berthold Vallentin, Friedrich Wolters, Verein für Kunst, Hans von Weber, Christa Winsloe, Helene Wirtz geb. Borchardt, Julius Zeitler.
Inhalt: Der Zeitraum zwischen 1907 und 1913 bietet eine Fülle produktiver Konflikte, die Borchardt als jungen, eben erst durch die Veröffentlichung seiner ›Rede über Hofmannsthal‹ an die Öffentlichkeit getretenen Autor im Streit mit Verlegern und Redakteuren zeigt. Nach dem Ende der Zusammenarbeit mit Julius Zeitler, der schon 1905 ›Das Gespräch über Formen‹ gedruckt hatte, wendet Borchardt sich journalistischer Tagesarbeit zu, publiziert in der ›Frankfurter Zeitung‹ und in den ›Süddeutschen Monatsheften‹, deren bedeutendster Kritiker er neben Josef Hofmiller in diesen Jahren ist. Zugleich konstituiert sich in Streit und Reflexion, Polemik und Widerrede der Grundriß seines Werkes, der späteren großen lyrischen Übersetzungszyklen und seiner Übertragung von Dantes ›Divina Comedia‹. Die in Briefen an den Insel-Verlag skizzierten herausgeberischen Pläne, vor allem die Verbreitung mittelalterlicher deutscher Poesie betreffend, finden nach dem Ersten Weltkrieg in den Publikationen der ›Bremer Presse‹ ihre Verwirklichung. In seiner italienischen Einsamkeit - Borchardt wohnt zumeist in Villen bei Lucca oder Siena - erschreibt sich dieser Autor sein Gegenüber, erfindet sich gelegentlich auch, wie im Fall der Geliebten Christa Winsloe, einen Partner, dessen Ausstrahlung sein eigenes Werk oft erst hervorbringt.
Rudolf Borchardt: Briefe 1914-1923
Text. Bearb. von Gerhard Schuster. 1995, 582 Seiten geb. € 54,-. ISBN 3-446-18014-1.
Briefempfänger: Paul Adler, Ludovica Principessa Altieri-Guidotti, Margherito Altieri, Hans Georg von Beerfelde, Franz Blei, Frau von Boddien, Dorothea Freifrau und Eberhard Freiherr von Bodenhausen-Degener, Ernst Borchardt, Rose Borchardt, Karoline Borchardt geb. Ehrmann, Hubert Breitenbach, Bremer Presse, Benedetto Croce, Ludwig Curtius, Ottonie Gräfin von Degenfeld-Schonburg, Otto Deneke, ›The Dial‹, Stephen Pierce Duggan, Arthur Eloesser, Hans Feist, Karl Foerster, Edith von Fransecky, Ephraim Frisch, Joachim von der Goltz, Stefan Großmann, Maria Hetzel, Alfred Walter von Heymel, Josef Hofmiller, Horen-Verlag, Insel-Verlag, Werner Kraft, Walther Krug, Erich Lichtenstein, Raffaello Conte Raffaello Orsetti Marchese Mansi, Erich Mosse (Peter Flamm), Josef Nadler, Rudolf Pannwitz, Gustav Pauli, Luise Pollitzer, Margarete Preyss geb. Ruer, Wolf Przygode, Marie Rassow, Walther Rathenau, Max Reinhardt, Alfred Risop, Rowohlt-Verlag, Hugo und Wilhelmine Schaefer, Helene Schauer, Gustav Schoedon, Max Sidow, Joel Elias Spingarn, Carl Spitteler, Erich Steinthal, Ludwig Strauss, Frieda Thiersch, Julie Vogelstein, Erika Voigt, Lina Voigt, Peter Voigt, ›Vossische Zeitung‹, Karl Vossler, Willy Wiegand, Ludwig Wolde, Kurt Wolff-Verlag.
Inhalt: Der Band enthält das Jahrzehnt zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Höhepunkt der deutschen Inflation - Jahre dramatischer Umbrüche, die sich an verschiedenen Schauplätzen zwischen italienischer Villeneinsamkeit, Soldatenunterkünften, Sanatorien und Großstadtquartieren vollziehen. Wie viele seiner Zeitgenossen läßt Borchardt sich von der Emphase des »Zeitmomentes« täuschen und meldet sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger an die Front. Von dem Kasernendrill und der Schützengrabenerfahrung in Frankreich körperlich erschöpft, aber auch bald politisch ernüchtert, gelingt es ihm durch die Vermittlung des Freundes Eberhard von Bodenhausen eine Stellung innerhalb des sogenannten ›Nachrichtenoffiziers Berlin‹ beim Stellvertretenden Großen Generalstab zu erhalten. Zugleich mit den beiden Kriegsreden ›Der Krieg und die deutsche Verantwortung‹ (Februar 1916) und ›Der Krieg und die deutsche Entscheidung‹ (Dezember 1916) spiritualisiert sich sein Patriotismus mehr und mehr, und entfernt ihn vom politischen Alltagsgeschäft. Das Ende der deutschen Monarchie im November 1918 nimmt Borchardt fast gleichmütig hin; denn nach der Begegnung mit Marie-Luise Voigt, um derentwillen er sich 1919 von Karoline Ehrmann scheiden läßt, fällt für ihn der Begriff des »Vaterlands« mit dem der sehnlichst erhofften »Familie« zusammen. Abermals setzt eine »Vita Nova« ein, aber diesmal ohne alle literarische Fiktionen. 1921 kehren Borchardt und seine zweite Frau mit dem Söhnchen Kaspar in die Villa Mansi in Monsagrati bei Lucca zurück. Alle Arbeitskonzentration gilt nun der Übertragung von Dantes ›Divina Comedia‹, der Übersetzung provençalischer Troubadourlyrik und gelehrten Anthologieplänen in Verbindung mit dem Verlag der ›Bremer Presse‹. Der Zusammenbruch der deutschen Währung zwingt die Familie jedoch 1923 nach Deutschland zurück. Eine Existenz als freier Schriftsteller ist in Italien unter diesen Bedingungen nicht zu führen.
Rudolf Borchardt: Briefe 1924-1930
Text. Bearb. von Gerhard Schuster. 1995, 613 Seiten geb. € 54,-. ISBN 3-446-18016-8.
Briefempfänger: Ludovica Principessa Altieri-Guidotti, Arbeitsausschuß ›Reich und Heimat‹, ›Arbeitsstelle für konservatives Schrifttum‹ Würzburg (Karl Ludwig Freiherr von Guttenberg), Alfred Bassermann, Dorothea Freifrau von Bodenhausen-Degener, Alice Bodmer, Hans Bodmer, Martin Bodmer, Karl Albin Bohacek, Ernst Borchardt, Paul Borchardt, Philipp Borchardt, Rose Borchardt, Bremer Presse, ›Bremer Zeitung‹, Martin Buber, Henri Buriot-Darsiles, Hans Carossa, Benedetto Croce, Ottonie Gräfin von Degenfeld-Schonburg, ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹, ›Deutsche Rundschau‹, Paul Fechter, Hans Feist, S. Fischer-Verlag, Peter Flamm, Marion Baronin Franchetti, Paul Friedländer, Ephraim Frisch, Heinrich von Gleichen, Paula Häberlin, Alfred Happ, Otto Heuschele, Hans Heyck, Horen-Verlag, Felix Jacoby, Werner Jaeger, Edgar J. Jung, Anton Kippenberg, Werner Kraft, ›Lesezirkel Hottingen‹, ›Die Literarische Welt‹, Thomas Mann, Katia Mann, Contessa Antonietta Bernardini Marchesa Mansi, Elise Mannstädt, Fritz Freiherr von Meyern-Hohenberg, Georg Müller-Verlag, ›Münchner Neueste Nachrichten‹, Josef Nadler, ›Neue Zürcher Zeitung‹, Giorgio Pasquali, Julius Petersen, Reinhard Piper, Hermann Pongs, ›Reclams Universum‹, Vera Rosenberg geb. Borchardt, Ernst Rowohlt, Rowohlt-Verlag, Max Rychner, Kurt Saucke, Hugo und Wilhelmine Schaefer, Isa Speyer, Herbert Steiner, ›Süddeutsche Monatshefte‹, Teubner-Verlag, Frieda Thiersch, Karl Vossler, Konrad Weiss, Julie Baronin von Wendelstadt, Willy Wiegand.
Inhalt: Der Band setzt mit der vielberedeten ›Eranos‹-Krise um die Festschrift zu Hofmannsthals 50. Geburtstag ein und reicht bis in das Jahr nach dem Tod des Freundes. Er enthält bewegende Zeugnisse zu Borchardts retrospektiver Beschäftigung mit dessen dichterischem Werk, das seit 1897 zu den Grunderlebnissen der eigenen Existenz gehört. Die Verstimmung mit Hofmannsthal fällt mit einer der produktivsten Phasen in Borchardts schriftstellerischem Schaffen zusammen - als wäre eine Befreiung eingetreten: In der Villa di Bigiano bei Pistoia, wo er seit 1925 lebt, entsteht sein zeitkritisches Essaywerk. In ›Handlungen und Abhandlungen‹ wendet sich Borchardt aus Italien an die deutsche Öffentlichkeit und proklamiert sein kulturpolitisches Konzept der »Schöpferischen Restauration« mit allen ihm zu Gebote stehenden literarischen Mitteln - in Gedicht, Novelle und Essay, durch wiederholte »Rede-Campagnen« in deutschen und schweizerischen Universitätsstädten und in Anthologien wie dem ›Ewigen Vorrat deutscher Poesie‹, den ›Deutschen Denkreden‹ und dem ›Deutschen in der Landschaft‹. Kompetent und streitlustig fuhrt er literarisch und wissenschaftsgeschichtlich provokante Debatten mit Gelehrten wie dem klassischen Philologen Werner Jäger, dem Romanisten Karl Vossler oder dem Germanisten Konrad Burdach. Der Band schließt mit zwei Briefen an Martin Buber, in denen Borchardt Grundprobleme der Übersetzung erörtert und im Zeichen des beginnenden Nationalsozialismus sein Verhältnis zum eigenen Judentum programmatisch bestimmt.
Rudolf Borchardt: Briefe 1931-1935
Text. Bearb. von Gerhard Schuster. 1996, 750 Seiten geb. € 68,-. ISBN 3-446-18017-6.
Briefempfänger: Angelsachsen-Verlag, Erwein Freiherr von Aretin, Heinrich F. S. Bachmair, Walther Behrend, Contessa Antonietta Bernardini Marchesa Mansi, Franz Blei, Martin Bodmer, Karl Albin Bohacek, Helen Borchardt, Philipp Borchardt, Rose Borchardt, Max Brod, Carl J. Burckhardt, Cecilie Kronprinzessin des Deutschen Reiches und von Preußen, ›Convivium‹, Ludwig Curtius, Robert Davidsohn, ›Der Brenner‹, ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹, Deutsche Botschaft Rom, Gerald Duckworth & Co, Hanns Martin Elster, Otto Forst de Battaglia, Paul Frankenburger, Alexander von Frey, ›Funkstunde‹ Berlin, G. A. von Halem'sche Export und Verlagsbuchhandlung A. G., Tommaso Gallarati Scotti, Giovanni Gentile, ›Germanistische Arbeitsgemeinschaft‹ der Universität Berlin, Franz Golffing, Hans Heyck, Hulda Hofmiller, Martin Hürlimann, ›Istituto Italiano di Studi Germanici‹ Rom, Werner Jaeger, Edgar J. Jung, Werner Kraft, Gustav Kilpper, Otto Leibrecht, Georg Müller-Verlag, ›Münchner Neueste Nachrichten‹, Gilbert Murray, Josef Nadler, ›Neue Zürcher Zeitung‹, Konstantin Freiherr von Neurath, F. W. Oelze, Friedrich Oldenbourg, Giorgio Pasquali, Luise Pollitzer, ›Reichsverband deutscher Schriftsteller e.V.‹, Reso-Verlag, Girolamo Conte Roncioni, Vera Rosenberg geb. Borchardt, Hermann Roth, Rupprecht Kronprinz von Bayern, Max Rychner, Hugo und Wilhelmine Schaefer, Filip Schmidt-Dengler, Ernst Schönwiese, Franz Staude, Herbert Steiner, Bertha Stenzel, Joachim Stenzel, Lina Voigt, Peter Voigt, Robert Voigt, Konrad Weiss.
Inhalt: Während sich Rudolf Borchardt noch 1931 mit seiner Rede ›Führung‹ und der Streitschrift ›Deutsche Literatur im Kampfe um ihr Recht‹ im Lager der antiliberalen und antimarxistischen Rechten weiß und die Wiederherstellung der deutschen Monarchie als Voraussetzung eines geordneten Staatswesens fordert, schiebt ihn die »Machtergreifung« vom Januar 1933 unversehens zur Seite. Im April 1933 in Rom noch von Mussolini als der Übersetzer Dantes empfangen und gewürdigt, sieht sich der nationalkonservative deutsche Jude wenige Wochen später in Deutschland verboten und verfolgt. Was seit 1931 als Hoffnung erschien: eine verlegerische Zusammenfassung des bisher verstreut gedruckten und teilweise unveröffentlichen Œuvres, endet in Monatsraten für ein nie geschriebenes Goethe-Buch. Sowohl der Zusammenbruch der ›Bremer Presse‹ als auch die immer quälender stockende Herstellung der Bodmer-Drucke des ›Pindar‹, der Komödie ›Pamela‹ und der Tragödie ›Alpenübergang‹ beschränken den Autor, der inzwischen die Villa Bernardini in Saltocchio bei Lucca bewohnt, auf private Forschung und Lektüre. »Es war doch wol ein dunkler richtiger Instinkt, dass ich seit 1903, mit geringen Unterbrechungen, und den Krieg abgerechnet, hier lebe und dadurch deutsch bleibe, dass ich dreissig Jahr lang keine der dortigen Dummheiten habe mitmachen wollen - dabei soll es bleiben.« (An die Mutter Rose Borchardt, 30. September 1934). Um so stärker, wenn schon die Möglichkeit zur Veröffentlichung verstellt bleibt oder rasch entstandene Hauptwerke wie die ›Pisa‹-Monographie ungedruckt liegen, wird der Mitteilungsdrang in Briefen: an Werner Jaeger, Martin Bodmer und Herbert Steiner, an die Redaktion der ›Münchner Neuesten Nachrichten‹ und der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹, an den Verlag Georg Müller oder den Angelsachsen Verlag, an Konstantin Freiherrn von Neurath, Edgar J. Jung und an Gottfried Benns Bremer Freund F. W. Oelze. Das Insistieren von Verfolgten wie Max Brod und Werner Kraft auf einer Darlegung von Borchardts eigenem Verhältnis zum Judentum führt zu großen, autobiographischen Rückblicken, die zugleich entscheidende Bruchstellen des deutschen Konservatismus markieren. Obwohl Borchardt mit außenpolitischen Einzelaktionen Hitlers zunächst sympathisiert und sie an Mussolinis Verhandlungsgeschick mißt, wächst seine vehemente Ablehnung aller innenpolitischen Maßnahmen des Nationalsozialismus, die schließlich im Gedichtzyklus der ›Jamben‹ seine dichterische Form findet. Das Diktum des exilierten Thomas Mann: wo er sich befinde, sei deutsche Kultur, hat seine Entsprechung in Borchardts trotzigem Geständnis: »In meinem Einzelfalle steht es so, dass mir die Ehre der Stellung innerhalb der Nation, die ich mir durch die Aufopferung meines ganzen Lebens gewonnen habe, abgesprochen und geschändet worden ist. Von denjenigen, die mir das angetan haben, nehme ich Vergütungen und Wiedereinsetzungen nicht an.« (An Robert Davidsohn, 4. Januar 1934)
Rudolf Borchardt: Briefe 1936-1945
Text. Bearb. von Gerhard Schuster in Verbindung mit Christoph Ziermann. 2002, 750 Seiten geb. € 68,- ISBN 3-446-18018-4.
Briefempfänger: Paula Gräfin Bellegarde, Bernard Berenson, Gottfried Bermann-Fischer, Contessa Antonietta Bernardini Marchesa Mansi, Ranucio Bianchi-Bandinelli, Franz Blei, Maria Börner, Karl Albin Bohacek, Philipp Borchardt, Max Brod, Carl J. Burckhardt, Estella Castoldi, Cecilie Kronprinzessin des Deutschen Reiches und von Preußen, Benedetto Croce, Ludwig Curtius, Edgar Dacqué, Fritz Ernst, Hans Feist, Carmen Gräfin Finck von Finckenstein, Karl Foerster, Dorothee Baronin Franchetti, Marion Baronin Franchetti, Alexander und Erika von Frey, Paul Friedländer, Rudolf Gaberel, Tommaso Gallarati Scotti, Benno Geiger, Giovanni Gentile, Isabel Gerbel, Franz Golffing, Lodovica Principessa Guidotti-Altieri, Jakob Hegner, Hulda Hofmiller, Johan Huizinga, Martin Hürlimann, Werner Jaeger, Johannes-Presse, ›Kürschners Literaturkalender‹, Paul List, Robert Mächler, Erika Mitterer, Lothar Mohrenwitz, Albert Müller, Benito Mussolini, Josef Nadler, ›Neue Zürcher Zeitung‹, Giorgio Pasquali, Eckart Peterich, Phaidon-Verlag, Luise Pollitzer, Girolamo Conte Roncioni, Vera Rosenberg geb. Borchardt, Hermann Roth, Rupprecht Kronprinz von Bayern, Max Rychner, Vittorio Santoli, Hans Heinrich Schaeder, Hugo Schaefer, Nora und Werner von Schnitzler, Adolf Fürst von Schwarzenberg, Herbert Steiner, Otto Stenzel, Emil Strauss, ›Ufficio Leva‹ Lucca, Peter Voigt, Aubrey Waterfield, Ernst Zinn, Eberhard Zwirner.
Inhalt: Rudolf Borchardts letztes Lebensjahrzehnt ist gekennzeichnet von dem vergeblichen Versuch, noch einmal von Italien aus das im Manuskript vorliegende bzw. eben erst entstehende dichterische und gelehrte Werk an eine von der politischen Weltlage beanspruchte Öffentlichkeit zu bringen. Lediglich der Roman ›Vereinigung durch den Feind hindurch‹ kann noch im Frühjahr 1937 im Verlag Bermann-Fischer in Wien erscheinen. Der Zyklus politischer Gedichte ›Jamben‹ bleibt ebenso unpublikabel (und deswegen auch unvollendet) wie das 1938 fertiggestellte Werk ›Der leidenschaftliche Gärtner‹ und zahlreiche wichtige Essays und Studien. Borchardts Absage an den Nationalsozialismus ist, bei hartnäckigem Festhalten an seinen konservativen Grundsätzen, bald schon eindeutig; an die jüdische Freundin Luise Pollitzer heißt es Anfang 1937: »Wer die Weltgeschichte gelesen hat, in der auf tausend Blättern steht, wie das Dauerhafte aussieht und wie das Ephemere, der würdigt das Gesindel weder eines Wortes noch eines Blickes.« Ab 1940 vertieft sich Borchardt mit immer neuen Anläufen in eine große Untersuchung ›Epilegomena zu Homeros und Homer‹, deren Manuskript er schließlich mitsamt den zurückgelassenen Papieren und Büchern in den Kriegswirren verloren geben muß. In den letzten Wochen seines Lebens, nach einer lebensgefährlichen Irrfahrt als Gefangener der deutschen Wehrmacht, die ihn fast überraschend mit seiner Familie plötzlich in Innsbruck wieder freisetzt, rekonstruiert Rudolf Borchardt in einem Hoteldomizil im Dörfchen Trins am Brenner das große Buch ein letztes Mal - vielleicht seine schönste Prosa überhaupt. Dort ist er am 10. Januar 1945 gestorben.







