Ballade von Wind, Schlaf und Gesang
Ich trieb die Reigen der Schatten aus,
Die an meinem Herd in die Asche bliesen,
Meine Seele rief ich hinein in das schweigende Haus,
Und sie kam langsam durch den Mond über blasse Wiesen -
Geister flogen ihr vor, die die Wege wiesen:
- Schlug es ans Tor? Sang es im Gang?
Hallte der Flur und klangen die Fliesen?
O lautlos kamen sie, Wind und Schlaf und Gesang!
Sie schwebten wie riesige Vögel und ohne Laut,
Bei meinem Herde saßen sie nieder,
Ihr Flügel war feucht und ihr Flaum betaut,
Und sie bliesen und schüttelten Tau von ihrem Gefieder.
Und es sagte Gesang: »Wir haben Musik und Lieder
Für dich und alle die Seelen, die trostlos sind,
Schoß und Lippen erwarten die weichenden Glieder.«
Und also sangen sie, Schlaf und Gesang und Wind:
»Ich schlief eine Nacht im weißen Weidenbaum -
- Luft und zitterndes Haus, wo die Winde liefen -«
»Ich war in der Höhle und suchte den Alten, den Traum,
Wo die Feen flüsterten und die schwarzen Prinzen schliefen -«
»Ich sprang ins Meer und es klangen die schwankenden Tiefen,
Wie die Saite klingt, die der Wind Nachts traf -
Einer blies, und Muscheln und Hörner riefen -
O Weide und Meer, Häuser von Wind und Gesang und Schlaf!«
Der Urlaub:
Nacht bringt wieder den Tau und die Hecken trief en -
Geh, Ballade, durch Mond die Wiesen entlang -
Horche bei Bäumen und frage die hauchenden Tiefen -
Suche das Lied aus Schlaf und Wind und Gesang!
(Gedichte. Textkritisch revidierte Neuedition der Ausgabe von 1957. Hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten. Stuttgart: Klett-Cotta 2003 S. 28f.)

