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Anthologie

Klassische Ode

Ich bin gewesen, wo ich schon einmal war:
Mai und der Juni waren mein Weggeleit;
An ihren Händen bin ich wieder
Zwischen die Hügel hinein gekommen

Und kannte fast die Wege nicht mehr; doch ging
Mir untern Füßen, wie sich durch Morgenrauch
Der Bau der Landschaft unerschüttert
Gegen den scheinbaren Aufruhr herstellt,

Der Trost der stillen Erde im Herzen auf:
Denn es bewölkt das Himmlische Teil in uns
Das Irdische mit seiner Schöpfung,
Eh es uns tagt; und es tagt nicht jedem.

Hier saß ich nächtlich; hörte vom Mäuerlein
Des Weinbergwegs den wachsenden Laut, den Laut
Der tief verhohlenen Gewässer
Neben den Betten der Eingeschlafnen -

Hier kreuzte meinen steigenden Pfad der Weg
Der wilden Dirne, die aus der hintersten
Talschaft des schwarzen Hochgebirges
Hölzerne Ware gehäuft zu Markte

Gewaltigen Schritts mir singend vorübertrug,
Friedloses Goldhaar über der Götterstirn
Sich bändigend, und keusch wie Tiere
Fahrend in all ihrer Pracht des Leibes. -

Hier sprach ich: »Mischleib, Nymphe, Hamadryas:
Nur noch so lang, wie nun dein beschlagener
Fußtritt bergab nicht ganz verhallt ist,
Wie dir das Ohr in der Luft noch nachsingt -

Nur noch so lang den Ewigen Schöpfungstag
Durch deine Augen sehn, wie er niederfährt!
Nur noch so lang durch deine Nüstern
Ziehen den Atem wie Ersten Nachtwinds!

Dir scheint die Sonne, fruchtet der Regen; Feld
Und Herde nährt dich; Schauder und Kuß verheißt
Dir die Unendlichkeit des Schoßes;
Aber wir Anderen sind nicht glücklich!«

Hier sprach ichs; wo ich Hügel hinauf, hinab
Im dichten Frühduft gegen die Höhe zu
Beschäftigt strebe; hier von wo mir
Eben mit Sonne mein Haus hervor ahnt.

Denn anders dünkt den eben von Himmeln her
In Leib verbannten bäumenden Geist der Grund
Unstet, dran er, Geblüt des Cherubs,
Kind des Gestirns, wie ein Gast sich umtreibt,

Und anders wohl den Erde verwaltenden
Mühseligen Vogt des Himmels, den Halbgott Mensch,
Der für den Stand der hundert alten,
Tausend urältesten Vesten einsteht,

So wahr er selber mitten durchs winkende
Dickicht des alten zaubrischen Unbestands
Die Grenze zieht, und dort den Gott setzt,
Wo er ein bitter Geliebtes aufgibt. -

Hier wars der Duft; hier ist es das Blau: bin ich
Gewesen, wirklich, wo ich schon einmal war?
Ich bins: des sei mir Zeuge, Sonne,
Seit du auch mir zu bedeuten aufsteigst -

Wie du den Tau trinkst, drin ich auf Knieen bin,
Den Kelch erschließest, den ich erreichen kann -
Dem braunen Pflüger, der, den Stieren
Fluchend, das Eisen im Lehm herumzwingt,

Den ersten Schweiß am Halse herniedertreibst -
Wie du im weißen Hofe am Straßenrand,
An dem ich wie im Traume streife,
Mächtiger durch die Gewalt des Feiglaubs

Schon dringst, so daß man Schalter verschließen kommt:
Und legst den schönen Töchtern der Bauerschart
Gold Gottes über die unnahbarn
Schlafenden, heiligen Angesichter.

(Gedichte. Textkritisch revidierte Neuedition der Ausgabe von 1957. Hrsg. von Gerhard Schuster und Lars Korten. Stuttgart: Klett-Cotta 2003 S. 145-147)