Nomina odiosa
Nein nein, nicht Namen. Wettbewerb mit Myrsilos
Und Deinem Schwäher, Parier,
Zu viel der Schmeichlung wärs für diesen Bodensatz,
Und dem unvorbestraften Vers
Zu viel Herablassung, vorweg dem Landgericht
Das Personalregister für
Die Fahndungen zu nehmen, und die Steckbriefe
Von morgen heute vorzusehn.
Sie haben keinen Namen, den das Vaterland,
Das ins Gedicht gerettete,
Zu kennen sich entwürdigte. Wie Hinz und Kunz
Und Weib und Unglückskind sie nennt,
Weiß das Adreßbuch. Welche Namen künftighin,
Wenn sie verreckt, gehängt, geflohn,
Erschossen, eingedrahtet, abgeräumt, verbrannt
Wie Maul- und Klauenseuche sind,
Geschichte solchen Herostrat- und Judassen
Rot einzubrennen vor sich hat,
Weiß jeder, kümmert keinen mehr. Der Mörder wird
Erst nennbar wieder durch das Beil.
Dies ist nicht Aufstand, Tyrannei, nicht Bürgerkrieg
Unwissentlich Mißleiteter,
Nicht Wahnbegeisterung wild berauschter Leidenschaft
Für Überschwang in Opfertat —
Cromwell, der Felsblock, — Danton, übermenschlicher
Zum Untergang gebäumter Sturz,
Noch Spartakus, armer Störzer, noch das eifernde
San Marco: dies ist schlechterdings
Dreck. Trockener, angemachter, aufgeweichter Dreck,
Zerfallener Dreck, gepreßter Dreck,
Gedruckter, Scheißdreck, Dreckgesinnung, dreckige
Visage, frech wie Straßendreck,
Dreckseelen, Selbstverdreckung, Schund und darum Dreck,
Halbecht, einen Dreck wert, nachgemacht,
Gepatzt, gekitscht, gepfuscht, gestohlen, falschgemünzt,
Mit Dreck zu Dreck und wieder Dreck.
Oh wol auf Gleich geschaltet, wol auf Rasse sind
Die Steißgesichter, daß sie zwar
Sich wie die Hintern gleichen, nicht wie Antlitze
Zur Ähnlichkeit gediehen sind.
Was da! Das wäre! Hergehört, und nicht gemuckt,
Hier nicht gezimpfert, Lalenburg!
Die Ohren Dir verstopfen noch? Es ekelt Euch,
Ehrlose, der Unehrbarkeit
Des Worts, unsaubern, die Ihr wol Gedankenkampf,
Ihr Sauberen, wies zwar Ihr begreift,
Doch nicht die Roheit zugesteht, was Vornehmen,
Wie weißgott Ihr seid, übel macht?
Schamloses Sodom hinterrücks und Schiida vorn,
Du so nach Vergewaltigung
Vom Strolche lechzend, daß das hagre Weib in Dir
Den Knüttel überm Manne schwingt
Und Welt verkehrt fliegt, einmal noch Du wags und wirf
Den Puppenjungenfeuerblick
Empört gen Himmel über mein unanständig
Gedicht entwürdigendes Wort,
Und mein Gewaltstreich lehrt Dich Jugendbewegungen,
Du Jüngervolk aller Gefolgschaften
Verfluchter Schänder, die Du im ersterbendsten
Vergehn am Glück Dir nie geträumt.
Platz da und wehe dem Vorwitz. Hier wird Pest gefegt
Und nicht gefackelt. Keiner geh
Aufatmend heim des Glaubens, daß der fürstliche
Gotteingehauchte Vers, zu stolz,
Die Laus zu spießen, drin die triumphierende
Fleckseuche wandert, eben drum
Auch viel zu hoch zieh, viel zu scheu vor Wirklichkeit,
Zu schweigend des Verachteten,
Als daß dem schuldigen Nacken Griff, dem Scheitel Blitz
Von ihm grad zu besorgen sei —
Der Blitz ernährt sich hoch im Unzugänglichen,
Doch flammt er in die Niedertracht, —
Der Offenbarung ungeheur Berittene
Verzogen nicht als Hochgespenst
Fern über Patmos. Hagelsaat des Untergangs
Aus aller Himmel Zorn geschöpft
In Kreisen nieder ab krachten sie, vertilgt zerbarst
Der Sünden Land und trank die See.
Ich komme zu nennen, was genannt zu werden hat
Bei all den ganzen Namen sein,
Und sträube mich vor keinem, weil mir zugehört,
Daß, was ich nenne, niederbrennt
Am Feuer das mein ist, was ich fasse sichtbar wird
Den Blinden und Sich Blendenden;
Weil sich Verderben, namenlos und zwitterhaft,
In feiger Wortunmacht erquickt,
Ausbreitet, ausmehrt, übertritt, und die Legion,
Wie Satan seine, zählen darf.
Weil aller Zahl Verderben in dem Namen reift,
Der Zählenden im Nennenden,
Und mein allein —, sofern Ihr unauszählbar seid,
Es sei denn für den Ewigen,
Der schon gezählt die Haar auf Euren Häuptern und
Die Tage hat Eurer Endlichkeit,
Der Nenner Eurer Anzahl auf der Zunge klingt,
An dem Ihr ausseht, wie Ihr seid.
(Gedichte II/Übertragungen II. Hrsg. von Marie Luise Borchardt und Ulrich Ott unter Beratung von Ernst Zinn. Stuttgart: Klett-Cotta 2003 S. 53-55)

