• Kontakt• Links
Anthologie

So rette das eigene Leben

Der Gast von auswärts spricht: Wenn Sie nach den ersten Worten merken, daß ich nicht zur Familie gehöre, so fragen Sie nicht lange nach dem Wer und Woher und Wozu, sondern hören Sie mich an, als hätte mich ein Freund abends in Ihr Haus mitgebracht, auf seine eigne Verantwortung hin, und die guten Sitten geböten Ihnen, mich gewähren zu lassen, so lange ich sie nicht verletze. Ich bin der Gast von auswärts, heut hier, morgen nicht mehr da. Ich habe Sie sprechen hören und mir das meine gedacht. Zu dem, was ich nun spreche, denken Sie das Ihre.
  Es gibt ein nachgelassenes Buch eines verstorbenen melancholischen und witzigen Mannes [Christian Morgenstern: ›Der Gingganz‹ (Berlin: Cassirer 1919)], todtraurige, todwitzige Träumereien eines Riesenstädters außerhalb der Natur und der Menschlichkeit, in dessen Anhang erfundene Inserate einer Zukunftsriesenstadtzeitung zu lesen sind. Ein großes Vergnügungsetablissement lädt zu einem Divertissement mit künstlichem Schneetreiben ein. Ein Verein, der dem Zwecke dient, den Bau von Ameisenhaufen als sportliches Gesellschaftsspiel betreiben zu lassen, erläßt die Aufforderung zu einem Meeting und kündigt an, daß naturgetreue Ameisenkostüme gegen Leihgebühr zu haben sein werden. Und so weiter. Es ist die mit Emphase und Ostentation betriebene Mechanisierung jenes letzten Verblödungsextrems, dem der Sterbende sein Volk, das Volk der Geheimratsideale, der rhythmischen Körperbewegungsbayreuthe mit Projektion auf die Weltanschauung und der geistigen Arbeiterräte als Kumulation der Geistlosigkeit ratloser Arbeitsscheuer zutreiben sah.
  Während des ersten Kriegsjahres wurde in Berlin der Kulturbund begründet, der sich dann, wohl aus Scheu vor zu stark determinierenden Bezeichnungen, in den Bund Deutscher Gelehrter und Künstler verwandelte. Er mietete Bureaus, sammelte und bezahlte sechsstellige Summen, beschäftigte zahlloses Personal, ließ Reihen von Schreibmaschinen klappern, hielt Vorstandssitzungen, Sektionssitzungen, Besprechungen, Konferenzen, machte durch Anforderungen Militärpersonen frei, telegraphierte dringend, telefonierte dienstlich, verlieh gegen Leihgebühr naturgetreue Ameisenkostüme, veranstaltete künstliches Schneetreiben. Er ließ einige Vorlesungen halten, in die niemand ging. Er sandte einige Berichterstatter in neutrale Länder, die niemand kannte, um für Zeitungsagenturen, nach denen niemand fragte, Tendenzgerede zu schreiben, das niemand las. Nach Jahren des Krieges und der mechanisierten Verblödungsextreme knospte er, wie niedere Organismen es tun, einen bulgarischen Bund Gelehrter und Künstler von sich ab und trat mit ihm in den Inzest des Kartells. Es ist nicht abzusehn, wie fruchtbar die Verbindung noch hätte werden können, wenn sie nicht durch gewisse Ereignisse in Genf, während deren die Herren Geschow & Cie sechs bulgarische Infanterieregimenter der mazedonischen Front zum Zwecke erleichterter Frontdurchschreitung an die Entente verkauften, unterbrochen worden wären. Oder vielleicht nicht einmal unterbrochen. Vielleicht verlegte sich der bulgarische Kulturbund in die partes infidelium und tippte weiter der Berliner Tippung zu. Vielleicht erwies die »Organisation« sich als siegreich in dem Räume, wo die Gedankenlosigkeiten leicht beieinander wohnen, während gewisse Sachen sich im Räume nicht ohne Härte zu stoßen begannen.

  Ich sehe mich um. Ich befinde mich nicht in dem Jahre 2021 jener fingierten Inserate. Ich befinde mich nicht in dem Kriegsdeutschland jenes Kulturbundes, der, während Tod und Leben sich entschied, von zehntklassigen Witzblattzeichnern patriotische Affichen machen ließ und bei Analphabeten Propaganda — »improper ganda« nach dem schneidenden englischen Bonmot — bestellte. Ich befinde mich in dem Deutschland, das nach menschlichem Ermessen so vollständig verloren ist, wie ein von der Mannschaft, der ertrunkenen und der geretteten, verlaßnes, auf Klippen gestrandetes Schiff, dessen Eisenteile und Holzwände diejenigen, die es für Pauschalsummen gekauft haben, auszubrechen und zu bergen herbeifahren. Ich befinde mich in dem Deutschland, in dessen grauenhaften Eingeweiden Mammons Krötenfinger Kadaververwertung treibt, dem Deutschland, das nach der Rechtloserklärung im Kriege, der Ehrloserklärung im Frieden nun unter der Wertloserklärung die letzte namenlose Plünderung erfährt. Ich befinde mich in diesem bis auf den letzten Grad der Entwertung verlumpten Lande, einem willenlosen Objekt der schamlosesten Geldherrschaft, die je den Erdboden geschändet hat, unter dem Hammer des fremden Guldens, der mir mit dem Rechte der meinen Pfennig herabsetzenden Willkür das Ahnenbild von der Wand nimmt, mein Mädchen kauft, den Mörder gegen mich dingt und mir das Recht auf den Haushund gegen die Mörder von oben bis unten durchreißt. Ich lebe auf diesem Schauplatze. Aber diesen Schauplatz erfüllt das künstliche Schneetreiben. Die Figuren dieses Schauplatzes, in naturgetreuen Ameisenkostümen, bauen kunstgerechte Ameisenhaufen. Die Affichen des Kulturbundes oder des geistigen Arbeiterrates oder anderer Wolkenkuckucksheime suchen mich für Anschauungen betreffend Oberschlesien zu interessieren, das es nicht mehr gibt. Aufsätze, meist klichiert geschrieben von Kulturbundanalphabeten, wünschen mich für Westpreußen zu interessieren, das nicht mehr existiert. Andere Druckschriften suchen mich für die Weltrevolution zu interessieren, die es noch nicht gibt. Das gestrandete Schiff voll faulender Leichen versichert mir, daß morgen das ganze Weltmeer voll stinkender und verpesteter, in der Mitte auseinander gebrochner Schiffsbäuche sein werde, quia absurdum. Der ehemalige Leiter des Bundes Deutscher Gelehrter und Künstler hat mich am Arme und will mich nicht loslassen, ehe ich Bolschewist geworden bin wie er. Wie er. Wie er, der Bruder »Ellis Barkers«, des englischen »Jingos«, der über den Kanal weg seinen Ekel auf meinen Rock entleert. Alle Buchhandlungsfenster hängen voll neuer Zeitschriften, die mich retten wollen. Oder die mich damit trösten wollen, daß die ändern, die Sieger, morgen meiner Rettung bedürfen werden, nachdem die »Entwicklung« sie noch rettungsloser gemacht haben wird, als ich heute bin. In allen Spalten der Zeitungen beschuldigen sich Wahnsinnige untereinander, entschuldigen sich Verkannte und Geschmähte. Alle großen Namen werfen Memoiren nach ausländischer Valuta. Alle Institutionen werden abgebrochen, damit man für die herrliche kommende Zeit unter freiem Himmel zu den neuen Sternen beten könne, die sicher aufgehn werden, sicher, dort hinter dem grimmigen Wintergestirn, dem furchtbaren Jäger Orion und Sirius, dem erbarmungslos funkelnden Auge der kaum über den Horizont weg nach uns blitzenden eisigen Rache. Es werden einige erfrieren, ehe sie den Stern im Osten gewahrt haben. Was tut es? Wenn nur das gräßliche Morden vorbei ist. Begründen wir eine Organisation zur Zählung der Erfrorenen, mieten wir ein Bureau, suchen wir — vielleicht finden wir sie — einige noch nicht ganz abgeklapperte Schreibmaschinen, werfen wir einige Mieter aus den qualvoll errungenen Wohnungen auf die Straße zu ändern Obdach- und Arbeitslosen, und machen wir eine Statistik. Es fehlen die Zahlen. Und heben wir inzwischen aus und retten wir dich, mich, einen Jeden, Deutschland, Europa, die Welt. Nicht die Erfrierenden, Verkommenden, Verlumpenden, Sich-Entehrenden, Ausgewucherten, sondern Andersdenkende, Parteifremde und Parteigegner. Es gibt, obwohl der Kaiser dahin ist, noch Kaiserbart zum Streiten, wo zwei Deutsche sind. Es gibt noch Druckereien, die keine Zeitschrift drucken. Es gibt noch zehn Deutsche, die keine lesen. Sauve qui peut. Machen wir Geschehnes ungeschehn. Machen wir Ungeschehnes geschehend. Stopfen wir einen Schmetterling in eine Raupe zurück. Reißen wir einen Schmetter
ling aus einer Raupe heraus. Und vermeiden wir ängstlich, in einen Spiegel zu sehen. Glauben wir immer weiter, illudieren wir uns und andere immer weiter, daß wir es mit ändern, den ändern zu tun hätten, nicht mit uns selber; daß wir selber nicht gemeint sind. Daß wir die Regisseure des grauenhaften Dramas sind, nicht die Akteure. Daß wir bleiben könnten, die wir immer gewesen sind, und doch die Menschheit zu dem machen, was sie nie war. Daß wir den Glauben bringen können, ohne daß Gott bei uns war und durch uns flog wie das Weihgewölk durch den Tempel. Daß wir nach wie vor kaufen können und verkaufen, leben und leben lassen, verderben und verdorben sein, zerschlagen und zerfallen, vernichten und untergehen und gleichzeitig erbauen und herstellen und begründen, bezeugen, indessen wir Entsetzlichen offenbar verwesen.

  Gemeinschaft ist ein symbolischer Begriff und eine jede sichtbare eine Spiegelung der größern unsichtbaren. Die höchste überpersönliche Gemeinschaftsform, die Nation und ihre kongruente Panzerung, der Staat, sind nicht darum gestürzt, weil sie Nation und Staat, weil sie als Nation und als Staat unbrauchbar gewesen wären, sondern insofern, als sie Gemeinschaftsform und als Gemeinschaft wie alle deutsche Gemeinschaft todkrank waren. Daher sind sie nicht durch Systemänderungen zu ersetzen. Die Axt liegt bei der Wurzel. Nicht die höchste Gemeinschaftsform, die unpersönliche und überpersönliche, gilt es durch künstliches Schneetreiben zu modifizieren. Der Kern alles Gemeinschaftlichen steht in Frage, nichts Größeres und nichts Geringeres als die menschliche Seele. Aber es wünscht der heutige Deutsche vom Kommunismus zu sprechen? Das ist allerdings ganz unverbindlich.
  Doch ich bin der Gast von auswärts und habe eine Seele bei mir und in ihr das Drama der Verwandlung, das Erlebnis der Offenbarung. Ich rette das eigne Leben. Will der Leser nicht versuchen, das Gleiche zu tun? Wollen wir nicht die naturgetreuen Ameisenkostüme ausziehn? Könnte nicht, täten wir das alle, dies Zimmer anders aussehn? Würde uns nicht vor einer geheimnisvollen unsichtbaren Gegenwart grausen, die wir plötzlich empfinden? Will man noch, wollte man noch retten, ehe man sich gerettet hat? Mann und Weib? Alter und Jugend? Lehrer und Schüler? Tot und Lebendig? Richter und Schuldige? Priester und Gläubige? Reich und Arm? Die Sprache? Die gemeinsamen Ahnen? Die gemeinsamen Enkel? Nur Freunde? Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr!

(Prosa V. Hrsg. von Marie Luise Borchardt und Ulrich Ott unter Beratung von Ernst Zinn. Stuttgart: Klett 1979 S. 351-356)