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Anthologie

Richard Alewyn: »Eine dämonische Natur«

Wer möchte das Zweideutige einer solchen Begabung verkennen, und wer das Großartige? Borchardt machte es seinen Feinden und wohl auch seinen Freunden leicht, sich an ihm zu ärgern,, aber keinem, ihm die geistige Leidenschaft abzusprechen, den heißen Atem und die inbrünstige Unbedingtheit. Seinem Wesen war Undurchsichtiges in reichem Maße beigemischt. Jahrelangen Verfinsterungen ausgesetzt, ist er von seinem Dämon dunkle Straßen getrieben worden. Er hat sich selten anders als im Äußersten bewegt, bald gehemmt, bald gehetzt, einmal getrübt und dann wieder erleuchtet, schwankend zwischen Depressionen und Euphorien, zwischen trotziger Einsiedelei und fieberhafter Aktivität im großstädtischen Getriebe, zwischen ungestümen Aufbrüchen und jähen Abbrüchen, und ist doch aus allen Stürzen mit hellem Bewußtsein und ungeschwächtem Selbstbewußtsein wieder aufgetaucht, alles, nur nie gemütlich, niemals kleinlich und niemals käuflich – eine dämonische Natur, falls das viel mißbrauchte Wort noch einen Sinn bewahrt hat.

(Unendliches Gespräch. Die Briefe Hugo von Hofmannsthals. Zuerst: Die Neue Rundschau. Frankfurt/Main. Jg. 65, 1954, S. 538-567. Wiederabdruck in ders.: Über Hugo von Hofmannsthal. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 1967, vierte, abermals vermehrte Auflage, S. 17-45, hier S.35f.)