Karl Eugen Gass: »Das Gespräch war hinreissend interessant«
[Pisa] 13. Februar 1938
Borchardt, trotz seines Alters, liebt es leidenschaftlich, sich in einem Kreis junger Menschen wieder als Student zu fühlen und zu diskutieren - zu diskutieren, ohne an Ort und Stunde zu denken. Kommt er nach Pisa, so steigt ihm die Erinnerung an jene entscheidenden Jahre, in denen er als junger Mensch hier die sein ganzes Leben bestimmenden geistigen Anregungen empfing, wie ein junger Wein zu Kopf. Er kann die Arnobrücke nicht überschreiten, ohne tief aufzuatmen und den Blick flußauf und flußab wandern zu lassen und dann sitzt er bei Batzell, einen ganzen Nachmittag, raucht unzählige Zigaretten, von dem alten Kellner Gioacchino bedient, den er nun schon viezig Jahre kennt, und unterhält sich mit jedem, der sich an seinen Tisch setzt. Auf diese Weise hatte er alle Mitglieder unseres kleinen Freundeskreises kennengelernt, und wir waren alle eingeladen, ihn auf seiner Villa in Saltoccio bei Lucca zu besuchen. [...] So gings durch die kleinen Dörfer an den neugierig aufschauenden und lächelnden Leuten vorüber, bis die Berge näher kamen mit winzigen Dörfern an ihrer Flanke und heiteren Villen an ihrem Fuß. Es wurde herumgeraten, welche Borchardts sein möchte, bis St. mit größter Genugtuung den Cicerone spielte, auf ein stattliches Landhaus wies, einen rechteckigen Würfel mit einem spitzgiebligen Dach und putzigen Kaminen, die an französische Renaissance denken lassen. Einstmals führte von dem Haus eine prächtige Pappelallee in gerader Linie auf Lucca zu. Die Bäume sind vor gar nicht langer Zeit abgestorben, und nur noch ein Stück Straße führt herrschaftlich auf die Villa und das breite Gartentor zu. Es ist eine Privatstraße, mit Ketten gesperrt; wir ließen unseren Wagen zurück und schritten vergnügt auf den herrenmäßigen Landsitz zu. Borchardt empfing uns in dem großen Saal, der die Mitte des Erdgeschosses einnimmt; nach vorn öffnet er sich mit einer Flügeltür auf die Freitreppe, die in den Garten hinabführt, rückwärtig liegt eine Art Wintergarten, der sich mit großen Fenstern dem Park zuwendet. Ich hatte nicht vermutet, daß es ein so schönes altes Gebäude sein würde: die Einrichtung war vergoldetes Empire, die hohe Decke schmückte ein mythologisches Gemälde, in den Ecken standen marmorne Spieltische. Diesen Eindruck hatte Borchardt wohl hervorrufen wollen, denn er wünscht sehr, als Aristokrat und Herr zu erscheinen, und mit etwas steifer Grandezza teilte er uns mit, daß die Villa Bernardini eine Zeitlang im Besitz der Schwester Napoleons gewesen sei, die nebenan, in dem klassizistischen Himmelbett, geschlafen habe. Aber dieses etwas prätentiöse Benehmen hatte gegenüber einem Menschen wie D’A. wenig Erfolg, der sich nun kokett, verwöhnt, oberflächlich gab und auf jede allzu gewichtige Geste Borchardts mit einer spitzbübischen graziösen Frechheit antwortete - nichts reizender zu beobachten, wie Borchardt sofort den Ton wechselte und den andern an Geist und verspielter Konversation zu überbieten begann. Es war ein verstohlenes Duell, das den ganzen Nachmittag andauerte. Wir traten in das Arbeitszimmer, nicht in das eines Gelehrten, sondern das eines Literaten und Tagesschriftstellers. Die Bibliothek war, das zeigte ein Blick, unvollständig, willkürlich in sorgloser Unordnung. Auf den Tischen häuften sich die Bücher, die Zeitungen, dazwischen Manuskriptbogen. Die Hausfrau weilte seit einiger Zeit auf Besuch in Deutschland, so daß sich der reizende Brauch herausgebildet hatte, einen der kleinen Buben als wandelndes Schlüsselbund anzusehen und ihm alle Schlüssel des Hauses anzuvertrauen, ein Amt, das er auch jetzt mit großer Wichtigkeit versieht. Borchardt schüttete in dem Kamin trockene Kienäpfel auf, die knisternd und duftend zu brennen begannen. Wir wärmten die Hände und verloren die Starre der kalten Fahrt. Man saß im Kreise und plauderte. Wie stets in einem größeren Kreise blieb die Unterhaltung ein wenig an der Oberfläche, und D’A. hatte sein Vergnügen daran, bei den nichtigsten Dingen zu bleiben und mit ihnen zu spielen. Borchardt, Zigaretten drehend, verfocht das Kaminfeuer und das Kerzenlicht und alle die Handfertigkeiten, zu denen in der „guten alten Zeit„ die mangelnde Technik die Menschen angehalten hatte. St., in dem ein wahrer Widerspruchsteufel wohnt, opponierte heftig, und es ging hin und her, bis es zum Essen gongte. Das Speisezimmer war eine Überraschung und wirklich reizend: es zwar ein Gartensalon, der von oben bis unten mit einer Landschaft ausgemalt war, einem buschigen Wald und einer Jagd. In der Mitte stand ein großer runder Tisch, ohne Tuch, sondern an den einzelnen Plätzen mit kleinen Spitzendecken belegt. Hier warteten die beiden jüngeren Kinder mit ihrem Präzeptor: der Hauslehrer war ein großer linkischer schweigsamer Deutscher, schlecht gekleidet und blaß, die beiden Jungen, etwa zehnjährig, waren entzückend, rotbackig mit weichem Haar und reizend erzogen. Man speiste sehr vergnügt, die Kleinen voll Ehrfurcht vor dem gelehrten Besuch, wir andern einander aufziehend - köstlich war der Wein, ein hellgelber, leicht prickelnder toskanischer Wein. Der Nachmittag verging mit Geplauder, Spazierengehen durch den noch winterlich verwilderten Garten - nur unter einem hohen alten Baum blühten die ersten Krokus und Osterglocken -, mit Stöbern in der Bücherei, alles ein wenig stimmungslos, weil nie ein wirkliches Gespräch zustande kommen konnte. Mich erregte, auf den Bücherregalen überall den literarischen Spuren des Kreises zu begegnen, der zu Anfang des Jahrhunderts den Inselverlag gründete und in dem Borchardt selbst eine so wichtige Rolle spielte. Da waren die Werke Hofmannsthals, den Borchardt über alles verehrt und geliebt hat, da waren die Gedichtbände Rudolf Alexander Schröders, die von Heymel, von dem ich gar nicht gewußt hatte, daß er sich auch dichterisch versucht hatte, da waren ein paar Luxusausgaben, vor allem aus späterer Zeit, in der Borchardt die Bremer Presse beeinflußte. Das Herrlichste war die Ausgabe der Divina Commedia, eins der schönsten Bücher, die ich je in Händen gehabt habe. Jene Grübelei über das Generationenverhältnis, die mich so stark beim Lesen der Rede über Hofmannsthal befallen hatte, kam mir hier wieder: denn so vieles, was wir heute unser Eigenstes meinen, begann in jener Zeit, und dennoch bleibt ein unüberbrückbarer Riß, der uns heute von jener Vorkriegszeit trennt, auch von dieser so hochherzig strebenden Jugend. Immer scheint mir, daß wir heute auf soliderem Boden stehen, aber wieviel Schönheit, wieviel Glanz des Lebens haben wir mit dieser unserer eigensten Nüchternheit und Schafsichtigkeit dahingegeben. Jener Rausch des schönen Daseins, der diese reichen, literarisch empfänglichen und schöpferischen Kaufherrnsöhne erfüllte, ist uns nicht mehr möglich; wie auch ihr leidenschaftlich und bitterernstes kulturphilosophisches Denken, obwohl es so oft die gleichen Probleme behandelt, uns in anderer Weise aufgegeben ist, da sich die politische Wirklichkeit für uns in entscheidender Weise gewandelt hat. Es dunkelte, als wir durch die Felder auf schmalem Pfad zum Bahnhof rannten: mit bösem schwarzem Blinken floß ein kleiner Bach über den Weg. Es war kalt. Müde und ausgeleert saß ich im Zug, mit dem schalen Geschmack auf der Zunge, der allzu vielem Sprechen und allzu langer Geselligkeit folgt.
6. März.
Es ist Frühling geworden; während ich den Morgen über Keats übersetze, liegt draußen die Sonne auf den Bergen, daß ich mich im leichten Anzug zu Rad setze und hinaus gen Lucca fahre. Die Straße über die Ebene den Bergen zu geht es leicht im Spiel von Licht und Schatten, und zur Rechten der Kanal schimmert hellgrün. Am Wegrain blühen die ersten Blumen, und an der Häuserwand in S. Giuliano hängen goldgelb die Zitronen. Die glatte Straße fährt es sich herrlich leicht; ich surre mit fliegenden Rockschößen durch die kleinen Dörfer, in denen die müßigen Leute mir nachschauen. Ein Kirchplatz ist ganz von gelben Mimosen überwachsen. Ich erkenne die Orte wieder, die ich im ersten Morgengrauen mit dem Omnibus durchfahren habe. Es geht über die Bahnlinie, nicht mehr am Fuß der Berge, sondern durch das Luccheser Tal - die mächtige Ruine von Ripafratta liegt schon längst hinter mir -, und zu Mittag bin ich in Lucca. Dort esse ich. Dann geht es im Kreise um die Mauern bis zum Tore, das sich gen Bagni di Lucca öffnet, und die gerade Straße wieder den Bergen zu. Mir entgegen kommen jetzt all die jungen Leute, die von den umliegenden Dörfern nach Lucca hineinfahren, um sich zu amüsieren: per divertirsi. Sie waren fast alle dunkel gekleidet, und ich sollte noch merken, daß mein heller Sommeranzug ein wenig verfrüht war. Zunächst fuhr ich behaglich in der Mittagssonne den Bergen zu, die mit ihren vielen Villen heiter vor mir lagen, sah bald das spitzgieblige Dach der Villa Bernardini, bog von der Straße ab und kam auf schmalem Wege an das Parktor. Ich schob das Rad den Laubengang hinauf, an der verwitterten Wasserkunst vorüber und wurde vorm Hause von einem 15-, 16jährigen empfangen, der unverkennbar der älteste Sohn Borchardts war, gewöhnlich mit der Schwester in einer Pension in Florenz, wo sie die deutsche Schule besuchen. Er führte mich in das kleine Gewächshaus, wo ich den Vater fand, wie er Staudenknollen aussonderte, um sie in die Erde zu legen. Ich wurde lebhaft empfangen, und wenige Minuten später saßen wir auf der kleinen Terrasse der Freitreppe in der köstlichen Sonne mit dem Blick auf die Zufahrtsallee und die im ersten Frühling aufblühenden Berge. Das Gespräch war hinreißend interessant. In mir den willigen Zuhörer witternd, entfaltete Borchardt sein verblüffendes Talent eines gesprächsweise Improvisierenden, und die glänzendsten Vergleiche und Formulierungen bildeten eine einzige Kette, vielleicht ein wenig überladen und barock, zu gewichtig für ein Gespräch, aber stets bewundernswürdig. Ich war lebhaft an Rivarol erinnert, da Borchardt eine - freilich ins Deutsche und Moderne transponierte - Begabung ähnlicher Art zu sein scheint, gedankenreich und im Gespräch von meisterhafter Gestaltungskraft, viel schwerer und widerwilliger dagegen zu einem eigentlichen Werke zu bringen. Beide sind als Erscheinungen nur in einer literarisch hochentwickelten Umwelt möglich gewesen, da sie eine gebildete Zuhörerschaft voraussetzen und selbst der Literatur, nicht nur als geistigem Bereich, sondern als sozialer und menschlicher Umgebung mit Leib und Seele verfallen sind. Die Einsamkeit, in der Borchardt seit Jahren lebt, auch sein Emigrantentum, widerspricht dem wenig, ebenso wie mit dem Charakter Rivarols seine geistige Isolierung wohl vereinbar ist. Es bestätigte nur meine geheime Erwartung, als sich im Lauf des Gesprächs Borchardts Geistigkeit als die eines Konservativen und Restaurators herausstellte. Das Gespräch ging auch von Rivarol aus, indem ich von den Ergebnissen der letzten Tage erzählte; wir kamen auf seine Danteübersetzung zu sprechen, und Borchardt holte eine Besprechung, die Hofmiller von seinem deutschen Dante gegeben hat [Borchardts Deutscher Dante (Corona. München/Zürich. Jg. 3, Heft 2 vom Dezember 1932, S. 246-263)] und in der er zum Vergleiche auch die französischen Versuche behandelt: ich horchte auf, da ich diesen Essay nicht kannte, griff zu und hatte endlich die Studie in Händen, an die ich den Schluß meines 6. Kapitels [vgl. Karl-Eugen Gass: ›Antoine de Rivarol (1753-1801) und der Ausgang der französischen Aufklärung‹. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde genehmigt von der philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Hagen: Druck von J. Baake 1938; Gass bezieht sich in Kapitel VI, ›Der schöpferische Mensch‹, Abschnitt IV: ›Rivarol und Dante‹ S. 185f. indirekt auf Hofmillers Essay ›Borchardts deutscher Dante‹ und weist ihn S. 255 Anm. 510 bibliographisch nach] anknüpfen konnte. Ich erzählte weiter von dem Seminar, das Schiaffini in der Scuola abhält und das immer gleich interessant bleibt: Schiaffini, einer der wenigen italienischen Professoren, der mit deutschen Methoden Sprachwissenschaft treibt, hat das Ziel, dereinst eine historische Syntax des Italienischen zu schreiben, etwa dem Vorbilde Lerchs folgend. Es ist äußerst lehrreich, an seiner Methode zu verfolgen, wie in den letzten Jahren die Sprachwissenschaft historisiert wird. Nachdem man an dem Gerüst der „Lautgesetze„ die äußere Sprachgestalt und ihre lautliche Entwicklung kennengelernt hat, beginnt man jetzt zu untersuchen, wie diese Sprachzustände lebendig gewesen sind, d. h. wie historisch-soziologische Einflüsse, poetische Theorien, kulturelle und literarische Strömungen und Moden auf sie eingewirkt haben: man beginnt eine Geschichte der mittelalterlichen Literatursprachen zu schreiben.
Borchardt hob für den Beginn des Italienischen den entscheidenden Einfluß der Pisaner »Handelskoine« hervor, der Sprache der Pisaner Kaufleute, die sowohl in der Provence wie in Sizilien Faktoreien besaßen und so ein Idiom benötigten, das vielerlei Elemente in sich aufnahm und nach Borchardt die Grundlage für die Literatursprache der Sizilianischen Schule wurde - eine geistvolle Hypothese, freilich sehr zweifelhaft; in ähnlicher Weise entwickelte er mir den Ursprung der italienischen Plastik, der Werke Niccoló Pisanos, die man gewöhnlich unter apulischem Einfluß stehen läßt, aus der Pisaner Welt. Pisa ist ihm das Zentrum seiner Vorstellung vom Mittelalter geworden, trotz, oder für ihn gerade, weil Dante es so gehaßt hat. Beim Tee kamen wir auf D’Annunzio zu sprechen, der am 1. März gestorben ist - am 4. März hatte Russo eine recht teilnahmslose, nichtssagende und akademische Gedenkrede gehalten, man fühlte deutlich, daß D’Annunzio in den letzten Jahren bereits ein lebend Verstorbener gewesen war. In Borchardt saß mir nun einer gegenüber, der als junger Mensch, in Hofmannsthals Gesellschaft, in Wien, dem einst so Gefeierten selbst begegnet war: nicht nur persönliche Anekdoten wußte er zu erzählen, die widerwärtige »Verbrechernatur« des Toten zu charakterisieren - wenn Borchardt verachtet oder haßt, wird er in seinen Verdikten maßlos -, sondern er ließ auch deutlich werden, wie seine Generation sich von dem Einfluß der großen »Mysterienschänder« - zu denen er auch Wagner, Nietzsche und noch George zählte - zu befreien gesucht hatte. Die Generationsverbundenheiten und -verschiedenheiten wurden mir wieder bewußt und die seltsame Bedeutung des großen Krieges, der für die geistige Bewegung zuweilen völlig nichtssagend zu sein scheint, dann wieder eine unüberschreitbare Kluft aufreißt. Dies war das Gespräch beim Tee gewesen, den wir alle um den runden Tisch verteilt einnahmen. Das nächste Gespräch drehte sich um das 18. Jahrhundert, grundsätzlich um die Weisen, Epochen zu unterscheiden und Jahrhunderte zu charakterisieren, im Besonderen um Goethe, um seine Herkunft aus dem Aufklärungsjahrhundert und den Einfluß der französischen Bildung. (Über Goethe bewege ich in mir eine Menge Gedanken, und alle lassen mich erkennen, daß über ihn eine Legende existiert, aber wenig Durchdachtes, Zutreffendes.) Mit sinkender Sonne wurde es plötzlich kalt, und ich mußte mir einen Sweater ausbitten, um nicht zu frösteln. Wir saßen jetzt im Arbeitszimmer am Kamin, und Borchardt las mir ein Stück Prosa vor, eine Antwort auf die Rundfrage, ob es in Deutschland verkannte Dichter gäbe - sie war wieder allzu pompös im Ton, allzu angespannt, genauso, wie es Rivarol unterläuft - und ähnlich gemischt aus Sarkasmus, Concetti und prächtigem Bild. Es war Anlaß zu einem andern Gespräch, das Borchardt gerne führt, über den merkwürdigen Mangel einer öffentlichen Literaturkritik in Deutschland, der bewirkt, daß das literarische Gewissen in Deutschland so wenig geschärft ist, keine Wertmaßstäbe bestehen und die Nation so stiefmütterlich mit ihren besten Söhnen umgeht. Inzwischen war es Abend geworden, und ich mußte an die Heimfahrt denken, aber man ließ mich nicht fort, Borchardt sprach gerade über die zeitgenössische Philosophie, beurteilte Jaspers und Heidegger und gab (mir vor allem wertvoll) ein Bild von der Geistigkeit Diltheys, wobei er, als er von der seltsamen Unsicherheit, Weichheit in Dilthey sprach, den erstaunlichen Vergleich gebrauchte, jener habe durch die verschiedenen geistigen Haltungen hindurchgesehen wie durch gemalte Fenster, aber sei nie auf einen undurchsichtigen Grund gestoßen, von dem er sich hätte abstoßen können. Es war ein echt Rivarolsches Gleichnis, um eine geistige Situation zu versinnlichen und im Bilde zu beurteilen. Bei Tisch, an dem er, für mein Gefühl nicht ganz natürlich, den Hausvater spielte, den Braten aufschnitt und die Kinder versorgte, erzählte er von seinem Elternhaus, in dem es anscheinend ausnehmend streng zuging - im Ganzen die Erziehung in einer vornehmen reichen jüdischen Familie -, und auch von den Verwandten Schröder, auch von Onkel Rudolf Alexander, und die kleinen Jungen, die gewiß diese Geschichten nicht zum erstenmal hörten, stellten mit einer reizenden Mischung von Schalkhaftigkeit und Erstaunen Fragen. In dem Gartensalon war ein Ofen entzündet, und um den standen wir noch eine Weile, Borchardt, sein Töchterchen Corona und ich, und er belehrte sie über einige Dinge aufs reizendste, stets erstaunlich klar und beschlagen. Dann waren wir allein und wurden, an dem erkaltenden Ofen sitzend, auf das Politische gelenkt. Borchardt entwickelte seine konservativ-monarchistische Haltung. Ich schwieg oder wehrte ab, im einzelnen mag ich seine Stellung hier nicht zu deuten versuchen. Es war Mitternacht, als wir uns trennten, leidenschaftlich erregt. Er führte mich in das Nebenzimmer, wo das majestätische Himmelbett der Schwester Napoleons aufgeschlagen war. Die Einrichtung des Zimmers hatte die ganze Kargheit dieser alten vornehmen Villen. Ein stilechter reicher Dekor, aber keinerlei Bequemlichkeiten. Ein kleines Toilettenkabinett, ohne Wasser - das elektrische Licht war der einzige Luxus. Ich schlief hochgebettet vorzüglich. In aller Frühe wurde ich geweckt, da Borchardt mit seinen beiden älteren Kindern mit dem ersten Zug nach Florenz fahren wollte. Es war noch dunkel und bitter kalt. Ungefrühstückt trabten wir zur Station, ich auf dem Rad den Koffer schiebend. Dann war ich wieder allein und fuhr, der Frühe froh, die Straße entlang, Als ich Lucca hinter mir hatte, sah ich in den Fenstern der Häuser am Weg einen roten Schein. Hinter mir ging über den Bergen rot die Sonne auf. Es war herrlich, in der klaren Luft geschwind von Dorf zu Dorf zu radeln. Gegen 8 Uhr war es, als ich von den Bergen abstieß wie ein Schwimmer und über die Pisaner Ebene den Mauern zueilte. Die weißen Bauten lagen im Morgenlicht. Der Kopf war auf dieser Frühfahrt ganz frei geworden, und vergnügt trat ich bei St. ein, der noch im Bett lag, um ihm zu erzählen und Grüße auszurichten.
(Karl Eugen Gass: Pisaner Tagebuch. Aufzeichnungen und Briefe. Aus dem Nachlaß eines Frühvollendeten. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Paul Egon Hübinger (Heidelberg: Lambert Schneider 1961 S. 156-159, 173-178; Veröffentlichungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 23)

