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Anthologie

Kurt Tucholsky: »Eine Rüstung als Nachthemd«

Jetzt wollen wir Rudolf Borchardt vom Nachttisch herunterwerfen - Fräulein Nelly kann das morgen aufsammeln... Der Unsterbliche hat wieder einmal etwas geschrieben [die Broschüre >Deutsche Literatur im Kampfe um ihr Recht< (München: Georg Müller 1931; Grüninger 2002 Nr. 46)], das schon nach 14 Tagen verschimmelt ist... Der Verband, dem es finanziell bisher sehr gut ergangen ist, hat den Expansionsfimmel: ›Wir haben eine eigene Licht- und Kraftversorgung und eine eigenen Polizei und eine eigene Feuerwehr...‹ Wir kennen diese Melodie. Die also legen sich einen Verlag zu, und sie werden sich wundern, daß das Geschäft zwar nicht ganz schlecht, aber bedeutend schlechter geht, als sie sich das gedacht haben... Borchardt ist eine traurige Nummer: Gegen die Philister von links eifert er, und die Philister von rechts faßt er mit Samthandschuhen, Vergebung, mit Stulpenhandschuhen an. Wir Ritter tragen Stulpenhandschuhe. Der Junge hat wahrscheinlich eine Rüstung als Nachthemd. So feierlich möchte ich mich auch mal nehmen. Und ich will ihn ja auch gern feierlich nehmen. Aber nicht ernst... Bei jedem anderen Autor entfiele also die Kritik. Bei dem da muß man keine Rücksicht nehmen - wer das Maul so aufreißt, dem gehören ein paar Kartoffelklösse hineingeworfen.

(Kurt Tucholsky: ›Auf dem Nachttisch‹. In: Die Weltbühne. Berlin. Jg. 28, Nr. 5 vom 2. Februar 1932, S.177f.)