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Anthologie

Max Rychner: »Ein Satan von Mensch war das!«

Borchardt sprach gestern abend [›Über Dichten und Forschen‹, gehalten in Zürich am 3. März 1925]. Eine Rede, ich sage Euch: Eine Rede! wie ich sie nie hörte und vielleicht nicht mehr hören werde. Kein jüdischer Rechtsanwalt tanzte auf Begriffseiern, kein Stimmungsschmusian pupperte an den Brustlätzen: ein Kerl von Blut und unglaublichem Format, ein Rhetor, dem die Sprache zu jeder genialen Perversität willig wäre, wenn er sie forderte, ein Satan von Mensch war das! Ich bin sehr glücklich, wieder einen mit aller Tiefe, die mir zu Gebote steht, bewundern zu können. Ein Gesicht! Ich sage nur: ein Gesicht ...
  Nachher ... Im Salon. Borchardt der Große an einem Tischchen mit einigen, darunter Dr. W. Meier, den ich, seinen 1000 Skrupeln trotzend, einfach mitschleppte. ... Ich ... zog ab, zu Borchardt, der über Rathenau, Spengler, etc. sprach, in Formeln die noch warm aus ihm strömten und von denen ein Diamant den Glanz zu erhalten in seinem kümmerlichen Scheinen glücklich sein dürfte. Man war verzaubert.
  [...] Um 1/4 1 Uhr gingen welche heim, Spoerri, Enderlin (!), Heribert Steiner, W. Meier, ich blieben bis nach den zweien. Sprechen konnte eigentlich nur Spoerri, der vor Menschen keine Ehrfurcht aufbringt. Die anderen, auch Meier und ich, hätten nicht gewagt, den Anschein zu erwecken, hier mitzählen zu dürfen; wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu schweigen. Ich mußte immerwährend an Ernst [Howald] denken; Du wärst der Einzige gewesen, der das Niveau hätte einhalten können, alle andern verkümmerten augenblicklich zu grauen Mauerasseln. Und doch war man nicht erdrückt und kam sich nicht angeschnorrt vor. Wenn er von mittelhochdeutscher Dichtung sprach, wie vernichtet sassen da wir zwei ›zünftigen‹ Germanisten, blass vor Entsetzen, durchdrungen von der Erkenntnis Sokrates', dass auch Bachmann nichts weiss...

(Max Rychner an Ernst Howald, 4. März 1925; Katalog Marbach 1978, S. 356f.).