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Anthologie

Hugo von Hofmannsthal: »Wie viel Erfüllung u. auch Verwandlung«

Er ist Parteigänger in einem Maaß, wie es unter den schlaffen Deutschen von heute ganz selten ist - und er ist es mit Lust und erinnert darin aufs Stärkste an die großen u. minder großen Universitäts-Figuren des beginnenden XIX. oder noch mehr der zweiten Hälfte des XVIIIten, wie er überhaupt - das gehört zu den entscheidenden Zügen seiner Physiognomie - der letzte große Mensch mir zu sein scheint, der auf der deutschen Universitätscultur beruht u. ihr leidenschaftlich anhängt. In ihm ist wirklich das Höchste u. Geistigste dieser Tradition - wovon mich ohne ihn auch nie die Ahnung angeweht hätte - lebendig-sonderbar genug, daß er u. Sie es nicht einmal zum Doctor gebracht haben, u. tief symbolisch. Er hat eine stupende Bildung, u. commandiert sie in einer stupenden Weise - aber der, von dem Sie allein sprechen können, der Borchardt von 1899-1907, der Ihnen allein zugänglich ist - stand noch nicht ganz über seiner Bildung. Daher solche  kleinen Pedantismen und Schuhschnallencoquetterien wie die gelegentliche Überschätzung Schlegels. Aber der jetzige B. ist ja ein ganz anderer. Er ist jünger geworden als er je war, mehr er selbst, u. ein ganzes Wunder von einem Menschen. Das Entscheidende für ihn, gerade für ihn war, daß er sich dem Krieg so preisgab, sich im ersten Monat als Kriegsfreiwilliger stellte - er ist ein starker u. schwacher, unsäglich sensibler Mensch für den die Unterordnung unter den Unterofficier annähernd das bedeutete wie für Sie oder mich - und welchen Greueln sich preisgab. Die plumpen u. rohen Elsässer Recruten konnten den gebildeten um zwanzig Jahre älteren Menschen, der anders aussah, anders redete, anders roch, als einer von ihnen, nicht leiden. Eines Nachts bepißte ihn der, der seine Schlafstätte ober ihm hatte, in halbtrunkenem Zustand, während er schlief, und als er vor Nässe aufwachte war keine Zeit mehr vor der Ausrückung den Anzug oder die Wäsche zu wechseln; Borchardt setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, für die Viertelstunde die noch blieb, an den eisernen Ofen u. ließ sich trocknen; seit damals ließen ihn die Kerle in Ruh. Aber das ist nur eine kleine Episode. Ganz wunderbar aber hat sich dann, mit dem Krieg, alles in seinem Leben geändert, auch das Verhältnis zu mir, das erst in diesen letzten Jahren wahrhaft doppelseitig wurde. Dann löste sich die von ihm mit einer wunderbaren fast übermenschlichen Kraft geführte u. gehaltene Freundschaftsehe zu einer älteren, kränklichen Frau - diese Ehe muß ihm ins Fleisch geschnitten haben wie eingewachsene Fesseln, denn ein Mensch wie er wächst ja, und eiserne Fesseln geben nicht nach - und seit Monaten ist er mit einem dreiundzwanzigjährigen Mädchen verlobt die aus dem schönsten Element geformt ist, dem Schroederischen: sie ist die Tochter von einer von Rudi Schroeders sämmtlich höchst anmutigen u. eigenartigen Schwestern, und ist voll Anmuth u. Musik, ja eine wirkliche Sängerin. Nun ist Borchardt in einem seltenen Maß für Glück empfänglich und begabt, eine dauernde Entzückung zu tragen. Somit läßt sich gar nicht sagen wie viel Erfüllung u. auch Verwandlung ich mir nun für ihn erhoffe, ferner wie viel Höchstes ich in Fragmenten von ihm kenne. Somit bleibt wirklich das Dilemma bestehen: daß man ihn vor allem an den Platz stellen muß der ihm gebührt - und zugleich von ihm heute kaum sprechen kann weil man nur Documente der überwundenen Phase in Händen hat.

(Hugo von Hofmannsthal an Rudolf Pannwitz, 15. November 1919. In: Hugo von Hofmannsthal/Rudolf Pannwitz: Briefwechsel 1907-1926. In Verbindung mit dem Deutschen Literaturarchiv hrsg. von Gerhard Schuster. Mit einem Essay von Erwin Jaeckle. Frankfurt/Main: S. Fischer 1993, S. 427-431)