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Anthologie

Walter Benjamin: »Das ungeheuer Trügerische des Einzel-schönen«

Welche Vorstellungen der Name Borchardt in mir wachruft können Sie sich schwerlich deutlich machen. Er bildet einen integrierenden Teil des unglücklichen Lebens eines mir nahestehenden jungen jüdischen Menschen, gegenwärtig Soldat [Werner Kraft]. Es ist meine und Herrn Scholems (der ihn durch mich während ich schon hier war kennen gelernt hat) gemeinsame Sorge ihn verlassen in Deutschland zu wissen. Dieser Mensch der Borchardt mit einzigem Enthusiasmus verehrte und verehrt hat mir die genaueste Auseinandersetzung mit ihm aufgenötigt und überdies in einigem ein Bild seines Wesens verschafft. So habe ich Borchardt seit mehr als zwei Jahren nicht aus dem Gesichtskreis verloren. Ich kenne seine Gedichte und ›Villa‹, seine Sachen in ›Hesperus‹ (und die Kriegsreden), endlich die berühmte Polemik gegen den Kreis Georges in den Süddeutschen Monatsheften. Um vollständig und verständlich über ihn zu reden müßte ich weit ausgreifen und Dinge sagen für die hier in keinem Sinne der Raum ist. So erlauben Sie daß ich Ihnen nur ganz andeutungsweise mitteile, warum ich Borchardts Person bei allem Respekt vor den ›Qualitäten‹ seines Schaffens (denn bei ihm sind Züge, die bei andern alles sein könnten, nicht mehr) ablehne. Tragisch-problematisch ist mir Borchardt nicht mehr, so wenig wie Walther Rathenau, wenn er auch nicht, wie dieser gemein ist. Im übrigen aber sind sie verwandt, vor allem in dem Einen Zug, der Borchardts moralisches Wesen entscheidet, in dem Willen zur Lüge. Er hat statt des Herzens eine Kugel im Leibe. Es gibt heute kein größeres Beispiel als ihn für das ungeheuer Trügerische des Einzel-schönen, an dem sein Werk reich ist. Dieses Werk als ganzes erweist sich aber als der Versuch seinem Schöpfer, in geistiger Hinsicht einen Rang, in geistiger Hinsicht Macht, Größe in geistiger Hinsicht zu verschaffen. Er verzehrt sich darin den Deutschen einen Typus hinzustellen, den sie nicht haben, noch nicht haben können, nicht erschleichen dürfen und dessen Zukünftigkeit er wittert ohne sie zu ahnen: die öffentlich-verantwortliche Person des Volkes, den bestallten Verwalter seines Geist- und Sprachguts. [...] Diesem Zwecke sind seine Werke die selbstherrlichen Mittel, kein Dienst. Auch in ihm ist die ›Umkehrung einer Idee‹ die Herr Scholem mir in seinem letzten Brief als Charakteristikum der modernen Bücher angab, zu finden: die objektive Verlogenheit. Bei ihm richtet sie sich auf die Geschichte und sie beruht wiederum auf einer Verkehrung die mir für unsere Zeit kanonisch geworden zu sein scheint, auf der Verfälschung des Mediums zum Organ. Er macht die Geschichte, das Medium des Schaffenden zu dessen Organ. Dies ist nicht mühelos darzulegen, eben darum ist Borchardt vielleicht heute der einzig noch würdige Gegenstand zerschmetternder [Fußnote: erbarmungslosester] Polemik (wie er sie wunderbar am Georgischen Kreise versucht hat) wäre nicht alles was wesentlich Polemik ist, heute verworfen. Sie begegnen einer Geste die den Menschen schirmen und auszeichnen kann, für den Dichter aber eine unstatthafte Maske ist, bis tief in Borchardts Werk hinein, oder es beruft sich darauf sie zu verfassen. Er hat sich auf einen Turm von Lüge gestellt um von der verlogenen Menge seiner Zeit gesehn zu werden. Wenn ich recht sehe kündigt sich in Ihren Zeilen das Gefühl davon sehr deutlich an.

(Walter Benjamin: Brief an Ernst Schoen, Mai 1918. In: Briefe. Band 1. Hrsg. von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno. Frankfurt/Main 1966, S. 188-190)