Hugo von Hofmannsthal: »Er ist ein Enthusiast«
Er hat die leidenschaftlichste Liebe für Verse, und declamiert fast unaufhörlich. Wenn es ohne auffallende Unhöflichkeit möglich ist, verläßt meine Frau augenblicklich das Zimmer, wenn er anfängt, Verse aufzusagen. Er brüllt. Er erschüttert die Fensterscheiben gleichmäßig durch meine, seine und sonstige Verse; sein dröhnender Tonfall ist der gleiche für Pindar, Goethe, Swinburne, George, Rückert, Simonides, E.A. Poe, Möricke, Dante, Moschos und V. Hugo. Seine zweite Unart ist eine lächerliche und ermüdende Anglomanie. Er bezeichnet Speisen, Blumensorten, Kleiderstoffe, Geldsummen und die meisten Gerüche und Gefühle mit englischen Ausdrücken. Er findet von jedem Gespräch den Übergang zu einer englischen Anekdote, die er erzählt, auch wenn 9/10 der Zuhörer kein Wort englisch verstehen. Er ist ein Enthusiast. In seiner Conversation tauchen unaufhörlich die zwei Worte ›berauschend‹ und ›bestürzend‹ auf. Er gebraucht diese ziemlich starken Ausdrücke vor den unwichtigsten Dingen. Er ist ungewöhnlich unterrichtet; sein Gedächtnis setzt in Verwunderung, und sein niemals rastender Drang, sich zu informieren, muß hoch geachtet werden. Soweit ich beurtheilen kann, scheint er sein Fach, die classische Philologie, mit den Nachbargebieten der Archäologie u.s.f. in bewundernswerter Weise zu beherrschen. Daneben aber ist seine Kenntniß der deutschen der englischen und der italienischen Litteratur so groß, daß er sich in jeder neben einem Fachmann behaupten würde. Er spricht alle Sprachen sehr geläufig, mit großem Wortreichthum, nur in einem fast unerträglichen Ton, mit einem ostentativen Zuhausesein in der Sprache, das - bei der Häßlichkeit seiner Betonung - zuweilen einen grotesken Eindruck macht. Man wird bei der Beurtheilung aller dieser Dinge nicht außer acht lassen dürfen, daß er Jude aus einem norddeutschen, ihm selbst sehr widerwärtigen Milieu ist. Seine Gabe, sich umzuthun und sich zu unterrichten ist ganz außerordentlich: in wenigen Wochen hat er sich in Wien die Kenntnis der intimsten Personalien, die Namen aller Straßen und Geschäfte, alle Preise, die Gliederung der Gesellschaftskreise, die Verbindungen der meisten ihn interessierenden Menschen angeeignet. Ich habe die begründete Furcht, daß er in wenigen Wochen anfangen wird, wienerisch zu reden.
(Hugo von Hofmannsthal an Rudolf Alexander Schröder, 26. April 1902; Rudolf Borchardt: Vivian. Briefe, Gedichte, Entwürfe 1901-1920. Hrsg. von Friedhelm Kemp und Gerhard Schuster. Marbach am Neckar 1985 S. 212f.; Marbacher Schriften Band 25).

