• Kontakt• Links
Anthologie

Thomas Kling: »Letztlich mit sich selber schwer geschlagen«

Bakchische Epiphanien IV. Gut, Borchardt verstand es immer bestens, Vollgas zu geben, bei der Endfassung seiner Bacchen ging er auf Langstrecke: 38 volle Strophen.
  Die zweite Fassung war dem Dichter, wie einer Briefäußerung aus dem Jahre 1906 zu entnehmen ist, ›nicht mehr der träumerische Ausbruch von damals.‹ (Damals – das war ein oder zwei Jahre her...) Borchardt hat sein Hirsch- und Hirngehege inzwischen umgerüstet und geht davon aus, daß die neue, die pisanische Fassung, ›ein wirkliches Weltbild geworden ist.‹ Auf jeden Fall hat er seine überarbeitete und erweiterte Epiphanie mit einem Euripides-Motto versehen, selbstverständlich altgriechisch, das er allerdings vor der Drucklegung nicht mehr gegengecheckt hat, denn die Herausgeber der Werke Borchardts entdeckten (und berichtigten) darin einen Grammatikfehler, der sicherlich jemandem schlecht ansteht, der - letztlich mit sich selber schwer geschlagen – weltmännisch die Oberbescheidwisser-Attitüde spazierenführte, jederzeit bereit, als blankziehendes Rumpelstilzchen zu platzen; insonderheit, wenn es um Paladindienste für den Herrn von Hofmannsthal und gegen George zu tun war.
  Daß wiederum im Gegenzug Hugo von Hofmannsthal, als eine Art Erziehungsberechtigter Borchardts, bei Schriftleiter Willy Haas von der ›Literarischen Welt‹ als Beschwerdebriefschreiber vorstellig wurde, weil ein unbotmäßiger Erstsemester sich in diesem Blatt frech über eine Kurzvisite bei Borchardt in Italien verbreiten durfte, das war eine Homestory [vgl. ›Baccalaureus über Faust‹, 1928; Prosa I 2002 S. 415-424 mit 570-573], die wenig dessen Ruhm dienlich war, da Borchardt vorgeführt wurde als Dauerredner, der mit seinen ollen Kamellen – zuvörderst seine geniale Dante-Übersetzung, des weiteren das hohe Lob der deutschen Universität als des Weltgeists funkensprühender Feueresse; wobei der Praeceptor Germaniae im Lande-wo-die-Zitronen-blühen, seine Endlosausführungen garnierend, noch reichlich rechte Sprüche geklopft haben dürfte. Gerade mit seinen klügelnd werbenden Slogans zugunsten der Uni war Borchardt höchst unentspannt seinen jungen Besuchern auf die Nüsse gegangen, die es alma-mater-mäßig besser wissen mussten. Einer hat dann für die Presse seine Eindrücke von der poetischen Marathonsitzung aufnotiert, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen – Majestätsbeleidigung!, hieß es gleich in Wien und Villa. Es kommt zu diesem peinlichen – natürlich für beide, Hofmannsthal und Borchardt peinlichen – Leserbrief, bei dem ein Publikum, das noch alle Tassen im Schrank hatte und nicht auf die Weimarer Republik in toto schiß, sich zum wenigsten am Kopf gekratzt haben dürfte.
  Das war in den zwanziger Jahren.

(Auswertung der Flugdaten. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2005 S. 69f.)