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Anthologie

Gustav Seibt: »Ewige Neuschöpfung der Kultur aus überwundener Natur«

Politisch gegen Rasse und Reinheit gerichtet ist auch der Subtext der scheinbar entrücktesten von Borchardts Schriften der dreißiger Jahre, der Abhandlung über den ›Leidenschaftlichen Gärtner‹. Es ist ein Buch über die Vermenschlichung von Natur, das in der Nachzeichnung der Entdeckungen und Handelswege, welche Pflanzen aus allen Erdteilen in Europa heimisch gemacht haben, dem Prinzip Mischung die Apotheose schreibt. Der deutsche bäuerlich bunte Barockgarten mit Stiefmütterchen und Nelken ist habsburgisch, also osmanisch, also persisch; die holländische Tulpe kommt ebenso aus dem Orient; England bereichert sich aus den beiden Amerika, und jeder Garten hegt die Liebe zum Anderen, zum Nichteigenen: ›Und eben darum enthält der Garten gerade nicht diejenige Blume, die vor den Gittern frei vorkommt, sondern die einer Landschaft des Anderssein, einer Sehnsucht. Das Gitter trennt zwei Welten, wozu wäre es sonst da? ... ‚Gartenblumen’, wie man sie verteidigend nennt, sind die wilden Blumen anderer Länder‹, und dann zählt Borchardt in einem seiner rauschenden Kataloge die Namen der nur scheinbar heimischen Blumen auf, die von ganz ferne kommen, von der Reseda (Nordafrika) über die Aster (China) bis zur Zinnie (Mexiko) und Sonnenblume (Peru). So bewegt man sich in einem beliebigen deutschen Garten in Wahrheit ›in einer trockenen, glühend oder glasig brennenden tieffeurigen oder heftig starken Farbskala ungebrochener Töne, den Akzenten aushaltender Sonnenhimmel und brütender Böden‹. Man nennt Borchardt immer einen Nationalisten, weil er sein Schreiben an eine so exaltierte Idee von Deutschland geknüpft hat; doch was er am Ende seines Lebens entwarf, war eine Kulturtheorie, die nichts anderes feierte als die schrankenlose Kreolisierung, die ewige Neuschöpfung der Kultur aus überwundener Natur.

(Das brechende Herz des besseren Mannes. Rudolf Borchardt während des Dritten Reiches. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Jg. 57, Heft 6 (650) vom Juni 2003 S.465-479, hier 475)