Martin Walser: »Aufbruchston der konservativen Avantgarde«
Der reine Literaturroman. Und zehn Jahre vorher, am Anfang dieses Briefwechsels [zwischen Borchardt und Schröder,
mehr], war es vielleicht eher das aktuelle Kalkül, das die beiden einander näherbrachte. Auf der einen Seite die immer noch szenisch mächtigen Naturalisten mit dem nicht nur imposanten, sondern auch aller Ehren werten Gerhart Hauptmann vornedran, auf der anderen Seite der sein eigenes Kunstreich inszenierende Stefan George. Hugo von Hofmannsthal ist deshalb für die zwei Jungliteraten das, was sie werden wollen. Er ist zwar nur vier Jahre älter, aber da er wunderkindhaft früh berühmt wurde, ist er ihre Galionsfigur. Auf sein Frühwerk läßt sich eine ästhetische Fraktion gründen, die einen neuen Namen verdient. Die Formulierung dessen, was jetzt ästhetisch, politisch und überhaupt fällig ist, ist viel mehr Borchardts als Schröders und Hofmannsthals Sache. Er will Schluß machen mit dem »lumpigen Begriff der Neuromantik«, schreibt er 1911 an Hofmannsthal, und dazu müsse jetzt begründet werden, »in welchem Sinne wir die geistige Führerschaft der Nation an uns zu nehmen gedenken...« Antinaturalistisch. Aus der Tradition schöpfend. Antimodern. [...] Er, Schröder und Hofmannsthal werden die Dichtersprache für Deutschland schaffen: aus der Tradition, aber mit dem schneidendsten Anspruch: »Ein Gedicht, von dem man nicht glaubt, daß es in zehn Jahren immer noch zu frühe veröffentlicht wird, soll man vernichten.« Das ist der Aufbruchston der konservativen Avantgarde.
(Gekürzter Erstdruck unter dem Titel: ›Wenn die Welt, was man ihr gibt, nicht gelten läßt. Warum mir der Briefwechsel zwischen Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder zu einem großen Roman geworden ist‹. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 258 vom 6. November 2001 S. 1f.; Beilage Literatur. Jetzt unter dem Titel ›Ein Lebenskunstwerk. Zum Briefwechsel Rudolf Borchardt - Rudolf Alexander Schröder‹ in: Die Verwaltung des Nichts. Hamburg: Rowohlt 2004 S. S. 177-230, hier S. 191f.)

