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Anthologie

Botho Strauß: »Viel Sprache ist kein Mengen-, sondern ein Dichtewert«

Seltsam beobachtende und anempfindende Wesen, die wir geworden sind, prüfen wir einen solchen Mann mit solcher Haltung nurmehr mit unseren wachen Sammleraugen, ein kostbares, höchst ausgefallenes Gesinnungsexemplar, und studieren noch die Mineralien, die leichten und die schweren, seines einstmals heißen Bluts. Vor uns unter Glassturz Geschichte, ein Präparat (jedenfalls präpariert ihr subjektiv-zuckender, ihr geschichtsbewußter Anteil). Wo die Wiederberührung mit der unbarmherzigen Frühe nicht mehr erlangt oder gewagt wird, dort verweilt um so lüsterner der archäologische Blick. Auf einmal, beinah abrupt, so scheint es uns, wird zu einer Zeit die ganze Spanne, der große Transfer von Pindar zu Borchardt. Und zu einer anderen die unsere. Die Distanz ertragen. Von einem Gegenwartsautor zu Borchardt ist der Weg unter Umständen sehr viel weiter als der, den Borchardt zu Pindar zurücklegte. Und wenn im ›Gespräch über Formen‹ die beiden Jünglinge über den mangelhaften Griechischunterricht auf wilhelminischen Gymnasien herziehen, dann blicken wir uns schüchtern um – an wievielen unserer Schulen wird überhaupt noch Griechisch unterrichtet? Längst ist es zu einem abgeschiedenen Sonderfach geworden, das Medium, durch das Entstehen verstanden wird.
  Wir nehmen die Verluste hin, einen nach dem anderen, und sind allesamt ernsthaft überzeugt, daß Rationalität uns besser tut als jenes schöne Wissen und daß jede Methode der Anpassung an Gegenwart wertvoller ist als die Lehre der Erinnerung. Gäbe es einen Borchardt unserer Tage, der noch einmal eine restitutio in integrum heraufführen wollte, er würde nicht einmal mehr als der großartige Don Quichote angesehen, wäre nicht mehr der Mittebildner auf verlorenem Posten, sondern von vornherein ›auch nur ein Exot‹, der seinen ausgefallenen Tic unter tausend anderen Ticverkäufern anböte. Das Allgemeine drängt zu nichts Allgemeinem mehr. Es geht über in ein offenes Schema von Sektionen und Disjunktionen. Und das Viele, je ›vernetzter‹ es geschieht, um so unvermittelter zueinander. Denn es gibt keine Vermittlung zwischen Geheimnis und Meinung. ›Dichter wissen das Viele aus sich‹ (Pindar). Borchardt war vermutlich der letzte, der das Innestehen im Ganzen – dem ganzen Sprachraum, Volk, Reich, Abendland erlebte, das hochintegrierte Dichter-Wissen. Und es gelang ihm schließlich auch ohne Volk und Reich: allein in seinem ganzen Deutsch. [...]
  Es ist nicht weiter danach zu fragen, weshalb in der jugendlichen Periode unserer Nachkriegszeit ein ›Konservativer‹ keine Leitbildfunktion übernehmen konnte. Es war so nötig wie richtig, andere Entscheidungen zu treffen. Dennoch mag es - ›im Spiel der geschichtlichen Möglichkeiten‹ - erlaubt sei, sich vorzustellen, daß an der Pforte unserer Demokratie nicht allein der Engel mit dem kritischen Schwert gestanden hätte, der Wächter über Aufklärung und fortschrittliches Bewußtsein, sondern eben auch jener eines wissenden, schaffenden Bewahrens; daß also neben einem Benjamin auch ein Borchardt gestanden hätte. So wie auf Odins Schultern doch beide Raben saßen, die hießen ›Gedächtnis‹ und ›Gedanke‹. Nun blieb aber Borchardt bis heute unvereinbar mit jeglichem Typus, den unsere neuere Literatur herausgebildet oder wiederentdeckt hat - mit dem sozialverpflichteten Schriftsteller ebenso wie mit dem Anarcho-Radikalen oder dem empfindsamen Empörten; oder schließlich gar – er, der durch und durch Ausgesprochene! – mit der Kultgröße des hermetisch-fragmentarischen Poeten, lauter Außenseiter, die sich zuletzt alle miteinander im juste milieu des Subversiven gut vertragen. Wir haben überhaupt nur den Anti-Helden erfassen und anstrahlen können – Borchardt aber stammt nur eben aus dem Heraklesgeschlecht. Ein harter Edler, kein Sonderling, kein poète maudit, den die Moderne so bereitwillig in ihr Herz schloß. Für den Typus des Wiederbringers waren wir bislang nicht disponiert. Es muß ja immer gleich ein Schemawechsel, Leitbildwandel zu Hilfe kommen, damit wir dann auch im einzelnen besser sehen und etwa einen verpönten oder verkannten Dichter neu entdecken. Um das abgetrennte Singuläre genau zu bestimmen, fehlt uns das Organ und die Methode.

  Natürlich, es wird sie in genügender Zahl geben, denen, selbst wenn sie mit dem Finger unter der Zeile läsen, Borchardt unverständlich bleibt wie eine Fremdsprache, die sie nicht erlernt haben. Andere wiederum, indem sie langsam lesen, werden die excitierende Wirkung spüren und selber in einen Zustand von viel Sprache versetzt; es regt sich etwas in ihrem Deutsch. Viel Sprache ist kein Mengen-, sondern ein Dichtewert. Auch unter den Großen haben sie nur diejenigen, die an die Quellen rühren; äußerlich spröde, zerbrechlich gar, sind sie die wahren Überträger. Drei Stunden Hölderlin oder Borchardt gelesen, besehen, erkundigt, und es füllt sich das Gedächtnis aus allen seinen Höhlen, es läuft der Traum im Bewußtsein zusammen, der Appetit auf Gestalt und Form wird unbezwinglich. Man will die überraschenden Gesetze, die belebenden, genau erfahren: wie richtig bezogen gefügt geschlossen ist das geschrieben, was ich so nie zuvor ausgedrückt fand! was ich nicht einmal kenne und sogar bezweifeln könnte, wenn es nicht so regelrecht und rechtmäßig ausgesprochen wäre. Viel Sprache haben (oder daran teilhaben) heißt in ein uner-hörtes Geregelt- und Geordnetsein vorstoßen. Nichts bleibt Vokabular, alles wird Förderung und Fügung. Es bleibt kein unproduktives Wort, kein Wort übrig. Dies Deutsch wirkt deutschzeugend in jedem, dem es eingeht. Es ist im Wortsinn des Anspruchs voll, insofern es von der Silbe her auf Resonanz gestimmt ist und ruft, wachruft, was an verborgener Sprachgemeinschaft unter dem Kürzel-Regime der Kommunikation schlummert. Es ist ein wirksames Tonikum gegen die mangelnde Durchblutung von Vergangenheit in unserem Befinden. Im Grunde eine einzige Auflehnung – und wohl auch die einzige, zu der Borchardt sich bekannt hätte – gegen den Mythos der Jetztlebigkeit.„

(Erstdruck unter dem Titel ›Distanz ertragen. Xxxxxxxx‹ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nr. xx vom xxxxxxx 1987 S. xx, Beilage ›Bilder und Zeiten‹; als Nachwort in Rudolf Borchardt: ›Das Gespräch über Formen und Platons Lysis‹ Deutsch. Stuttgart: Klett-Cotta 1987 S. 99-118, hier 114-118; Cotta´s Bibliothek der Moderne, Band 66)