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Anthologie

Werner Kraft: »Hier sagte er Dinge, die ich nicht wiedergeben will«

Eines Tages fuhr ich zu Borchardt nach Pistoia. Dort in der Nähe wohnte er, in einer bescheidenen Villa. Es war das letzte Mal, daß ich ihn sah. Wir waren einen ganzen Tag zusammen, und ich übernachtete bei ihm. Ich ging durch eine Cypressenallee auf das Haus zu. An ein Fenster gelehnt, zu ebener Erde, stand Borchardt, mit einem tragischen Ausdruck im Gesicht. Ich trat ins Haus, er zog mich ins Zimmer. Es war sein Arbeitszimmer, geräumig, mit Büchern, aber nicht erdrückend vielen, der Schreibtisch mit Schriften und Büchern überhäuft, ein Photo Hofmannsthals, wie mir schien, stand auf dem Tisch. Nach den üblichen Fragen über die Reise begann sofort das Gespräch und hörte nicht auf. Es war am Anfang, daß wir über Politik sprachen. Ich mußte an Ludwig Curtius denken, wie er in seinen Erinnerungen von Besuchen Borchardts bei ihm erzählt, sie hätten jedesmal mit heftigen Erörterungen über die Politik des Tages begonnen, dann habe Frau Curtius gesagt, sie interessierten sich eigentlich gar nicht besonders für Politik, und dann habe er in die Schatzkammern seines Geistes greifend sie reich beschenkt. Nur daß es bei mir anders war, leider oder sehr erfreulicherweise, ich interessiere mich für Politik, und sogar leidenschaftlich, und konnte darüber vergessen, was mich noch mehr interessierte, vor allem im Gespräch mit Borchardt. Er sprach gegen die deutsche Demokratie, er sprach gegen Clémenceau und gegen Frankreich, und hier sagte er Dinge, die ich nicht wiedergeben will, er sprach für den Krieg gegen Frankreich, daß seine Kinder ihm noch den Racheschwur schwören sollten, das war furchtbar, und furchtbarer noch ist es, wenn ich daran denke, wie sich dieser Sieg über Frankreich vollzogen hat. Er sprach gegen die französische Literatur. Ich fragte ihn, ob er denn wirklich glaube, was Josef Hofmiller im ersten Weltkrieg geschrieben hatte, daß die französische Literatur eine Literatur zweiten Ranges sei. Natürlich glaube er das, und der Beweis fiel ihm nicht schwer. Ich widersprach heftig, und hier ging es hart auf hart, in einem solchen Grade, daß ich aufsprang und ihn um Verzeihung bat, ich war ja sein Gast und verehrte ihn, er gewährte sie sofort und reichte mir die Hand. Es wurde ruhiger, und er sagte dann sogar von Claudel, er sei komplett, das war wahrscheinlich das höchste Lob, das er zu vergeben hatte. Freilich fügte er gleich hinzu, daß er ihn aus anderen Gründen als künstlerischen ablehne, er meinte politische Gründe und dachte da sicherlich an Claudels wirklich wahnwitzigen Deutschenhaß, Goethe eingeschlossen. Hofmannsthal ging, wie er sagte, damit um, Claudel zur Mitarbeit an den ›Neuen Deutschen Beiträgen‹ aufzufordern, darüber sei es zwischen ihnen beinahe zum Bruch gekommen. Valéry lobte er sehr, besonders das Gedicht ›Les pas‹, von d'Annunzio meinte er geringschätzig, er mache Albernheiten, und das deutete auf eine frühere Schätzung, trotz seiner Verhöhnung des Dichters in seiner ersten Kriegsrede [›Der Krieg und die deutsche Selbsteinkehr‹, 1914; vgl. Prosa V 1979 S. 227, 228], ich hatte ihm von Gedichten aus d'Annunzios Jugend erzählt, wie dem prachtvollen auf sein Reitpferd, das ich übersetzt hatte [›Al mio cavallo Silvano‹ (›Sonetti di Primavera‹)]. Es war auch von Kafka die Rede, er kannte ihn nicht, wußte aber von ihm. Wolf Przygode, der jung gestorbene Herausgeber der Zeitschrift ›Die Dichtung‹, der Borchardt verehrte, habe viel von ihm gesprochen. Wir kamen dann auf meine eigenen Gedichte, und er ging eine Anzahl mit mir durch. [...]

Wir gingen ins Freie, er zeigte mir seinen Garten und beschrieb mir einige seiner seltenen Blumen. Wir schlenderten durch die Landschaft und kamen wieder auf Deutschland und Frankreich, er verwarf die französische Literatur der letzten Epoche als ganze, ich nannte Rimbaud, und da machte er die immerhin lobende Einschränkung, das seien nicht Gedichte, sondern dichterische Dokumente, dann aber sagte er in ungeheurem nationalem Selbstbewußtsein: ›Wir haben Hofmannsthal, wir haben George, wir haben Schröder, wir haben Werfel.‹ Gerade Werfel verwunderte mich in diesem Zusammenhang sehr, da sagte er mir das Sonett aus >Wir sind<, das mit den Worten beginnt "Als mich dein Dasein in den Tod verzückte" auswendig her. [Gemeint: ›Als mich dein Wandeln an den Tod verzückte‹. In: ›Wir sind. Neue Gedichte‹. Leipzig: Kurt Wolff 1913 S. 19] Da konnte ich nicht anders und stellte die Frage: ›Und was halten Sie von Karl Kraus?‹ Und erhielt die Antwort: ›Was soll ich von ihm halten? Ein Revolverjournalist!‹ Ich verstummte, denn es verschlug mir die Sprache, wir kamen auf anderes und kehrten dann ins Haus zurück. Frau Borchardt begrüßte mich, und wir aßen zu Mittag. Da wurde nur leicht geplaudert. Dann setzten wir unser Gespräch fort. Ich weiß nicht, wie es kam, er fing wieder von Kraus an, ich hätte es nicht getan, er griff in ein Fach und warf zu meinem grenzenlosen Erstaunen ein Heft der ›Fackel‹ auf den Tisch und sagte: ›Ist das denn nicht die reinste Pornographie?‹ Es war ein Heft mit dem Aufsatz ›Schönebeckmesser‹ über ein berühmtes Sexualverbrechen der Epoche, die allerdings pornographischen Stellen, die er enthielt, waren Zitate aus einem Aufsatz von Maximilian Harden in der ›Zukunft‹. [›Die Fackel‹. Wien. Jg. 12, Heft 305/306 vom 20. Juli 1910, S. 1-10]. Wie das so geht, wir verbissen uns in das Thema und kamen nicht davon los. Dann stellte er die Frage: ›Wer ist denn heute schon für Kraus?‹ Er wußte aber ganz gut, daß die gesamte Generation, die rechte und die linke, die christliche und die jüdische, in Haß oder Liebe auf ihn bezogen war. Daher war es, wenn auch gutmütig, so etwas wie eine Falle, und ich plumpste in sie hinein, denn von den vielen Namen, die mir hätten einfallen können, und die er sicherlich genauso mühelos abgewiesen hätte, nannte ich gerade den Namen einer Frau [Fürstin Mechtilde Lichnowsky], die Karl Kraus nahe stand, und da hatte er natürlich leichtes Spiel. Ich gebe was er sagte nicht wieder, man sagt etwas derart im Augenblick, niemand ist immer auf der Höhe seines moralischen Niveaus, nur fiel mir auf, daß er genau Bescheid wußte über einen Menschen, den er zu verachten vorgab, und dann kam noch etwas, und das war noch erstaunlicher. Er sagte nämlich, jene Frau habe ihm vorgeschlagen, mit Kraus und ihr im Hotel Adlon in Berlin zu frühstücken, und das habe er überlegen abgelehnt. Das ist ja sub specie aeternitatis völlig gleichgültig, aber im Hinblick auf eine bestimmte Zeit doch ungemein interessant. Nicht alles, was auch seinem Munde kam, konnte man für wahr halten, dies halte ich für wahr, nur daß ich nicht weiß, ob die Initiative nicht von Karl Kraus selbst ausging. Dieser hatte gerade den Aufsatz >Dichters Klage< veröffentlicht, er verwarf im Gegensatz zu Jakob Wassermanns enthusiastischer Verherrlichung von Borchardts Danteübersetzung in der Neuen Freien Presse mit satirischen Mitteln radikal Borchardts Theorie des Archaismus als der rechtmäßigen Sprache der Übersetzung [Jakob Wassermann: ›Eine Dante-Übertragung‹ (Neue Freie Presse< Nr. 21074 vom 12. Mai 1923, S. 1f.; eine darauf bezogene Polemik von Karl Kraus in der ›Fackel‹ Nr. 622 von Mitte Juni 1923, S. 68-72 unter dem Titel ›Dichters Klage‹], ›mit mir hat er ja auch angebandelt‹, das hatte mir Borchardt eben gesagt. Dennoch war Karl Kraus fähig, die Geltung selbst der schärfsten Urteile einzuschränken. Noch in der Abrechnung mit Georges Übersetzung der Shakespeareschen Sonette hat er positiv von der >berechtigten Schätzung einer Energie< gesprochen, er meinte damit George als Gesamtpersönlichkeit. Genau so konnte ihn Borchardts offenbare Intransigenz des Verhaltens zur literarischen Öffentlichkeit anziehen, selbst wenn er die dichterische Leistung ablehnte, soweit er sie überhaupt lesend aufnahm. Aber über alles dies wurde nicht gesprochen, der Altersunterschied war zu groß, als daß ich gewagt hätte, ins Einzelne zu gehen. Eines ist mir freilich ganz sicher, alles an Kraus mußte Borchardt abstoßen, und doch hat ihn eines angezogen, wenn auch hinter seinem eigenen Rücken, das ist der Kampf gegen die Presse. Von der >ecclesia pressans< hat er ja selbst in einem Aufsatz zu Georges 60. Geburtstag gesprochen, das ist jene Presse, gegen die George sich durchsetzte. Wir sprachen dann von seinen eigenen Dichtungen. Als ich ihn fragte, ob er neue Gedichte gemacht habe, verneinte er die Frage ziemlich schroff. Ich bemerkte sofort, daß er bewußt nicht die Wahrheit sagte, er ahnte wohl, daß nur dies an ihn mich in der Tiefe band, er hielt es sicherlich für pädagogisch, mir das Schwelgen im Genuß nicht leicht zu machen. Das ist ja im Grunde des Grundes sein Problem: er wollte mehr sein als der große Dichter, der in ihm angelegt war, und hat ihn darum nur teilweise verwirklicht. Das ist mehr als genug und doch nicht alles. Dieser Zwiespalt ist auch einer der Gründe dafür, daß von seinen großen dramatischen Plänen ihm nur Bruchstücke gelangen, wie etwa die grandiose Einleitung zu der Staufer-Pentalogie. Diese Pentalogie hat ihn sein Leben lang beschäftigt, und sie fiel vielleicht der Lähmung zum Opfer, daß es keinen Sinn habe, selbst die größte Tragödie zu schreiben, wenn nicht die Bühne sie weitergibt, sondern nur das Buch. Von diesen Plänen sprach er nun ausführlich. Gerade hier hat mein Gedächtnis wenig aufbewahrt. Das ist um so trauriger, da außer den Petra-Fragmenten sich buchstäblich nichts in seinem Nachlaß vorgefunden hat. Es spielte alles in seinem Kopf, ›in langsamer Formverwandlung‹. Ich bin geneigt, ihm das zu glauben. Er muß manchem seiner Freunde von diesen Plänen erzählt haben. Selbst einem beliebigen Journalisten wie Stefan Großmann, der damals kaum wußte, wer Borchardt war, hat er um 1914 den Lassalle-Plan, welcher ja auch in einem Brief an Hofmannsthal [vom 19. März 1919] erwähnt wird, mit solcher Eindringlichkeit erzählt, daß dieser von dem Vorhandensein des Ganzen durchdrungen war. Mir sagte er, er habe zeigen wollen, wie ein Mensch alles auf die Karte der Liebe setzt, nämlich Lassalle in seinem Verhältnis zu Helene von Dönniges, und wie die Liebesraserei zur Todesraserei wird. Der Politiker Lassalle aber, wie er auf meine Frage ausdrücklich sagte, sollte nicht im Zentrum stehen. Daß ihm Lassalles nationale Lösung der Arbeiterfrage auf der Grundlage Fichtescher Ideen sympathisch war, darf man vorweg annehmen, wie Lassalle sogar einem Bismarck sympathisch war, und doch scheint an dieser dramatisch unmöglichen Scheidung zwischen dem Politiker und dem Liebenden der große Plan gescheitert zu sein. Dazu kommt noch, daß in diesem Plan wahrscheinlich indirekt die Politik doch ihren Platz hatte. Das hat er mir zwar nicht gesagt, aber in dem späteren Roman ›Vereinigung durch den Feind hindurch‹ steht es mit unheimlicher Deutlichkeit und mit direkter Beziehung auf Lassalle. Darin kämpft ein großer Finanzmann der Epoche, der von ehemaligen ›Hörigen‹ abstammt und dessen Urbild, wie aus dem Vorwort deutlich wird, der große schwedische Spekulant Ivar Kröger war, mit einem jungen Adligen ohne Vermögen um ein adliges Mädchen. Die Gedanken, die sich der junge Liebhaber über den mächtigen Rivalen macht, der schließlich das Mädchen mit und gegen ihren Willen verführt und doch von der Liebe besiegt wird, sind unmittelbar die Borchardts. Es handelt sich um ›die Verfügung über die klassische Frau der Alten Welt als sinnfälliger Abschluß des siegreichen Kampfes um ihre Beherrschung‹. Und dann: ›So war es in Urzeiten gewesen, so würde es in Zukunftsfernen bleiben, Äußerlichkeiten änderte der Firnis der zivilisatorischen Alltagswelt; der Instinkt des aus Untergründen auftreibenden, mit den Waffen der Epoche gerüsteten Parias als Eroberers, würde mit den Zähnen und Klauen Napoleons und Lassalles und Attilas an der Legitimierung der Thronbesteigung durch Bettbesteigung festhalten.‹ [vgl. Erzählungen 1956 S. 380] Das ist kolossal. [...]

  Von der ›Verkündigung‹ sagte er mir, daß die Fortsetzung, das heißt die Fortsetzung des religiös-dialektischen Geschehens auf einer geschichtlich-mythischen Grundlage, die Verführung verhundertfachen solle, und er fügte ausdrücklich hinzu, daß ein Gespräch mit dem Kaiser fertig sei. Hätte er gesagt, daß das Ganze fertig sei, so wären Zweifel eher berechtigt, daß es anders als in seinem Kopfe fertig gewesen sei, bei einer einzelnen Szene ist dies schwer zu glauben. Er sprach dann von ›Jeder Herr ein Knecht‹, einem Plan nach einem altenglischen Drama, und von ›Orest in Delphi‹, ich habe aber alles Einzelne vergessen. Ich zeigte ihm einige alte deutsche Gedichte, wie ich sie schon damals gesammelt hatte und die Jahrzehnte später in meine Anthologie ›Wiederfinden‹ eingegangen sind. Eines machte einen so starken Eindruck auf ihn, es war ›Ideal‹ von Johann Elias Schlegel, daß er es in eine zweite Auflage des ›Ewigen Vorrats deutscher Poesie‹ aufnehmen wollte. Dazu ist es nie gekommen, aber manche spätere Anthologisten haben diese schroff einseitige und doch wundervolle Sammlung geplündert. Diese schroffe Einseitigkeit zeigte sich auch, als ich Göckingh erwähnte, er wies ihn einfach mit den Worten ab, er sei ein völlig leerer Mensch gewesen. Das könnte sogar sein, ich habe es nicht nachgeprüft, aber nicht anders hat Wilhelm von Humboldt über Claudius gesprochen, und schließt denn Leere die Fülle des Gedichts aus, wenn das lebendige Herz sich regt wie bei Göckingh oder bei Claudius, welcher dazu ein tiefer Mensch war? Inzwischen war es fünf Uhr geworden. Das Wetter war schön. Zu meiner Überraschung kamen aus den oberen Zimmern einige jüngere und ältere Damen, Verwandte von Frau Borchardt, um auf der Terrasse den Tee zu nehmen. Borchardt schleppte jugendlich frisch Stühle herbei, das fiel mir damals auf, weil ich ihn, der noch nicht fünfzig Jahre alt war, schon für alt hielt, ich selbst war eben jung. Die ganze Gesellschaft war zweifellos sehr gebildet und auf Borchardt, den großen Dichter, bezogen, in echter Bewunderung und wahrscheinlich ohne Kritik. Auch ich war auf ihn bezogen, aber in einer Leidenschaft, die Kritik nicht ausschloß. Ich erwähne dies, weil ich mich nicht gesellschaftlich anpaßte, sondern in einer gewiß unerlaubten Weise einfach aussprach, was ich dachte. Das Gespräch kam auf den ›Ewigen Vorrat‹. Man lobte dieses und jenes Gedicht, und auch ich lobte aufrichtig. Es müssen aber auch Fragen laut geworden sein, warum gewisse Dichter fehlen. ich besinne mich auf drei Gedichte, von denen Borchardt sagte, er habe sie aufnehmen wollen, er sagte sie kraft seines enormen Gedächtnisses sofort auswendig her, eines, das von einem Jäger handelte, von Hermann Hesse [das Gedicht ›Die frühe Stunde‹ in: Gesammelte Dichtungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1952, Band 5, S. 430], ein sehr schönes Gedicht des heute schmählich vergessenen Dehmel, und die wunderbare ›Sommernacht‹ des noch schmählicher vergessenen Liliencron: ›An ferne Berge schlug die Donnerkeulen./ Ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter./ Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen,/ Und singend kehrten Winzervolk und Schnitter./ Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen/ Genügsam himmelan, ein luftig Gitter./ Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,/ Einsam aus einer Laube klingt die Zither.‹ Ich höre noch Borchardts Stimme in den letzten beiden Versen, die für ihn wohl das Gedicht selbst waren, aber aufgenommen hat er diese Dichter nicht, sie waren für ihn: das Alte. Das Neue war George, der den Abdruck von Gedichten in Anthologien nicht erlaubte, das Neue war Hofmannsthal, das Neue war Schröder, nicht Rilke, den er völlig ausgelassen hat, das verstehe ich, obwohl es ungerecht ist, es war ein rechtmäßiger Protest. Und dann sagte ich laut, ich verstände nicht, wie eine solche Anthologie mit Schröder enden könne, gerade mit Schröder. Dabei ist dieses Endsonett das erste aus dem sehr großartigen frühen kosmologisch-metaphysischen Sonetten-Zyklus ›Die Zwillingsbrüder‹, das Borchardt, wie Schröder mir viel später lächelnd sagte, umgedichtet hat. Das alles dachte ich damals nicht mit. Ich hatte aber den merkwürdigen Eindruck, das Borchardt was für die Damen, die Schröder kannten und liebten, ein Schock sein mußte, nicht ganz ungern hörte. Er fragte mich, an wen von den Jüngeren ich dächte, und ich nannte Trakl. Er sagte sofort, ja, er sei eine höchst charakteristische Figur, warum er ihn nicht aufgenommen habe, sagte er allerdings nicht. Und dann nannte ich Else Lasker-Schüler. Großes Staunen. Ich fing sofort an: ›Deine Seele, die die meine liebet,/ Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet‹. [›Ein alter Tibetteppich‹ (1910) In: Werke. Hrsg. von Sigrid Bauschinger. München 1991, S. 23f.] Ich konnte nicht weitersprechen: alle lachten. Borchardt lachte nicht, aber er teilte die Ablehnung. Und sagte sogar: ›Und außerdem heißt es doch Tibét!‹ Als wenn das Land Tibét mit dem Traumtibet des Gedichts identisch wäre! Ich habe selten so deutlich gesehen, wie gegen den klassisch erzogenen Geschmack eines Jahrhunderts, den Borchardt als Dichter nicht einmal teilte, im Gegensatz zu Schröder, das Neue stößt und ihn nicht durchbricht, wenn es auch in Wirklichkeit schon an einer anderen Stelle durchgebrochen ist. Borchardts originale Idee der Poesie hatte den klassischen Kanon längst hinter sich gelassen, sein kritisches Bewußtsein brauchte ihn. In einer Fußnote des Aufsatzes über Croce hat er die Dichterin mit Mombert und Däubler verworfen, es geht gegen den Expressionismus als ganzen, wobei er das Recht seiner Ablehnung durch Zügellosigkeit verspielt. [vgl. ›Benedetto Croce‹, 1925; Prosa I 2002 S. 223f.] Auch Borchardt drängt zum Ausdruck, wie Hofmannsthal, bei dem der klassische Kanon so bindend wie durchbrochen war, dazu machte er von einem bestimmten Tage ab keine Gedichte mehr...

  Am Abend nach dem Abendbrot tranken wir zu dreien Tee. Die Kinder kamen einen Augenblick ins Zimmer, um gute Nacht zu sagen. Es war eine mehr vertrauliche Atmosphäre in allem, was gesprochen wurde. Ich erinnere mich nur an weniges. Einmal machte Borchardt einen alten italienischen Bauern nach, es war meisterhaft, einmal sprach er von einer Reise nach Neapel, und als Frau Borchardt leise auf die Kosten hinwies, rief er, Wilhelm von Humboldt sei mit der ganzen Familie im Reisewagen bis nach Spanien gefahren, es war rührend und tragisch zugleich, einmal sprach er von seinem Aufenthalt in Rom. Er hatte dort eine italienische Rede über Deutschland und Italien gehalten, und mit so großem Erfolg, daß die deutschen offiziellen Stellen in Rom ihn ihrerseits einluden. Das war vor 1933. [Kontaminiert; entweder gemeint die Rede in Rom am 9. Dezember 1922 oder ›L`Italia e la poesia tedesca‹ vom 30. März 1933] Hier erzählte er etwas Finsteres, das ich übergehe. Er sprach auch von Nadlers Literaturgeschichte nach Stämmen und Landschaften, von deren Thesen er ganz erfüllt war, wie übrigens auch Hofmannsthal, wie bedingungsweise sogar Walter Benjamin, der einmal von Nadlers ›anziehenden Entwürfen‹ spricht. Als ich einwandte, wie die Landschaft sich in dem Dichter ausdrücken solle, da höchstens der Dichter seine Landschaft in der Sprache wiedergibt, die entscheidenden Faktoren seien doch ganz andere, war er drauf und dran, mich halb im Scherz, halb im Ernst aus Hannover abzuleiten, bog aber im letzten Augenblick ab. Da hätte ich mich in meinem Nichts durchbohrendem Gefühl erkenne können, ich habe das aber selbst damals ihm nicht übel genommen, der ganze Mann hatte ja etwas Entwaffnendes an sich, er war ein Kosmos enormer Fehler und ungeheurer Vorzüge, so sehe ich ihn noch heute und bedaure noch heute, daß ich viel zu sehr innerlich bedroht war, um ihm auch nur im bescheidensten Sinne hilfreich sein zu können. Wenn der Berg nicht zu Propheten kommt, geht der Prophet, der das Gegenteil eines Propheten ist, noch lange nicht zum Berge, er staunt ihn nur an in seiner unverrückbaren Massivgestalt. Etwas Merkwürdiges geschah aber noch an diesem Abend. Es kam nämlich die Rede auf den Krieg, und Borchardt erzählte von einer Abendgesellschaft in Berlin, wo Tilla Durieux es beklagt habe, daß so viele junge Begabungen durch den Krieg vernichtet würden. Das bedeutet wahrscheinlich bei alles Richtigkeit ein Mindestmaß an Opposition gegen den Krieg und gegen die Gewalten, die auf den Knopf drücken. Aber Borchardt war dagegen. Er sagte, kein großer Dichter sterbe, der nicht ein abgeschlossenes Werk hinterlasse, und er nannte Kleist. Ich erschrak. Nicht daß Tilla Durieux trotz der Echtheit ihres Gefühls so einfach Recht gehabt hätte, mit der Empörung über Kunstverluste kann man dem Krieg nicht beikommen. Bei Borchardt hingegen ist das Dämonische, daß in einer Auseinandersetzung über den Krieg dieser selbst garnicht vorkommt, vorkommen die geschichtlichen Ursachen und geschichtlichen Folgen, aber nur als Sieg oder Niederlage des Geistes. Ein großer Dichter wie Alain-Fournier in Frankreich kann nur Anspruch machen auf ein abgeschlossenes Werk, nicht aber auf ein unabgeschlossenes Leben. Da sagte ich: ›Denken Sie doch an Otto Braun!‹ Und er mit großer Härte: ›Ich habe in den letzten Jahren seines Lebens jede Hoffnung auf Otto Braun aufgegeben.‹ Ich schwieg. Borchardt hat im Hause der Eltern verkehrt, er hat diese hohe jugendliche Begabung mit kaum begonnenem Werk bewundert, sein Einfluß ist in Otto Brauns Tagebüchern spürbar. Sollte es möglich sein, daß gerade die linken Sympathien des jugendlichen Feuerkopfes für Friedrich Adler, den Sohn Viktor Adlers, des Führers der österreichischen Sozialdemokratie, und den Mörder des Grafen Stürgkh in Wien, des österreichischen Ministerpräsidenten, sein positives Urteil ins Negative gewandelt haben? Ich werde es nie erfahren was da eigentlich vorgegangen ist. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück brach ich auf. Borchardt begleitet mich eine Strecke. Dann gab er mir fest und herzlich die Hand und ging. Ich sah mich noch einmal um. In gerader, etwas angestrengter Haltung stieg er eine kleine Anhöhe empor. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.

(Werner Kraft: Spiegelung der Jugend. Mit einem Nachwort von Jörg Drews. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1973, S. 117-131; Bibliothek Suhrkamp 356)