Theodor W. Adorno: »Die kompromißlose Esoterik seiner Gebilde«
Oft ist die Kluft zwischen Borchardts Judentum und seinen Sympathien für Macht und etablierte Tradition bemerkt worden. Die Erklärung ist wohl, daß er Zuflucht sucht bei dem, was ihm nicht selbstverständlich ist; heimatlos überbewertet er Heimat. All das spricht für etwas wie mißglückte Identifikation. Hilflos der Welt gegenüber, outriert er das Weltmännische und weltkundige und bewundert es an anderen. Darin hat eine Naivetät Unterschlupf gefunden, die sein raffiniertes künstlerisches Bewußtsein und seine resignative Parteinahme für bestehendes um keinen Preis Wort haben will. Solche Züge ebenso wie die Exklusivität seiner rücksichtslos durchgebildeten Produktion ärgerten die Zeitgenossen, fremd nicht zuletzt den gesellschaftlich Herrschenden, mit denen er politisch sich solidarisierte. Die imago von ihnen, welche ihm vor Augen stand, war, mit sehr wenigen Ausnahme, fiktiv. Am Ende mußte er das bitter erfahren und hat mit vollkommener Wendung darauf reagiert. Der Bogen seines beschwörenden Gestus schwang so weit über alles Heimelige, über das falsch mittlere Glück von Stallwärme und deutscher Idylle hinaus, daß er bei Konservativen nicht weniger anstieß als sein Konservatismus bei der Linken und der literarischen Avantgarde. Der für Volkheit optierte, war sein Leben lang der Mann des Privatdrucks. Die kompromißlose Esoterik seiner Gebilde hat seine konformistischen Anstrengungen desavouiert und korrigiert. Was alle an ihm schmähen; worin der Allerweltshumanismus, der den Menschen wie sie sind nach dem Munde redet, und das hinter allgemeinem Einverständnis verschanzte Privileg gegen ihn sich zusammenfanden, ist an ihm zu verteidigen. Der Borchardtsche Snobismus, über den sie zetern, war eine ihrer selbst unbewußte Gestalt der Absage ans Bestehende; Autoren, die er verabscheute wie Carl Sternheim, standen ihm darin nahe. Borchardts Ekel vorm profanum vulgus war eigentlich der vor den Einrichtungen, welche die Menschen deformiert haben, und die er nicht durchschaute. Seine politische Haltung kann nicht beschönigt werden. Andererseits verdankt er seiner Obsession mit dem so und nicht anders Gewordenen einen Sinn für konkrete Verhältnisse, der nicht nur dem Sachgehalt seiner Dichtung zum Guten gereichte sondern zuweilen auch, etwa in der Polemik gegen den Georgekreis, ihm Einsichten zutrug, welche die offizielle Ideologie durchschlugen. Wenn in der neueren Zeit Gesinnung und Intention von Künstlern und deren objektive Leistung vielfach weit divergieren, so ist Borchardt, neben Arnold Schönberg, wohl das bedeutendste Modell solcher Divergenz. Den restaurativen, ›wiederherstellenden‹ Inhalt attackierte seine Form, so sehr auch sie Wiederherstellung wollte, und keineswegs stets abstrakt und harmlos. Borchardt war unvereinbar mit der abscheulichen Gesundheit der bürgerlichen Kultur, mit deren Gediegenheit er flirtete. In seiner Formgesinnung war insgeheim angelegt, was ihn schließlich zu den Invektiven gegen die Nationalsozialisten vermochte, gegen die gleichgeschalteten Universitäten. Nicht erst hat der losgelassene Nationalsozialismus den Juden Borchardt verfolgt: er war Jude genug, schon zu seiner Zeit nicht hineinzupassen, da er noch das Wort Nation ungescheut über die Lippen brachte und in den Süddeutschen Monatsheften publizierte. Das anachronistische Pathos seiner Bildung war der Erbärmlichkeit neudeutscher Realpolitik unangemessen.
(Erstdruck als Einleitung zu den ›Ausgewählten Gedichten‹ (Frankfurt/Main: Suhrkamp 1968; Bibliothek Suhrkamp 213; Neudruck ebd. 2002 S. 18-20)

