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Anthologie

Helmut Heißenbüttel: »Ein progessiver Konservativer«

Rudolf Borchardts Widerspruch gegen das, was heute in den Augen derjenigen, die sich ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts hineinbewegen, dieses Jahrhundert bestimmt und geprägt hat: Neue Literatur. Neue Kunst, Neue Musik, Sozialismus, Marxismus, Technik, Soziologie, Psychoanalyse usw. hat sich an seinem Ruf gerächt. Aber er war tatsächlich ein Dichter, der das Widersprüchliche dieses Jahrhunderts nicht nur heftig abgelehnt, der es, schreibend, auch ausgehalten und aushaltend erfahren hat. Mit Absicht ist hier nicht von stilistischen oder formalen oder entwicklungsgeschichtlichen Kriterien die Rede gewesen. Das Aushalten des Widersprüchlichen führt im Werk Borchardts an vielen Stellen zum Gegenteil von dem, was programmatisch proklamiert worden war. Die Verwandlung der metaphorischen in die rekapitulierende Sprache findet auch bei ihm statt. Die Sprache, die er für seine Übersetzungen erfindet, ist Kunstsprache wie die der Lautsonate von Schwitters, wenn auch in dieser Hinsicht ihrer selbst unbewußt. Mit Absicht ist auch das öffentliche Auftreten Borchardts nur in der Relation bewertet worden. Worauf es ankam, ist, das Beispiel zu sehen, das aus bestimmten Voraussetzungen der traditionellen Einengung des 19. Jahrhunderts mit bespielloser Heftigkeit in ihre Konsequenzen weitergetrieben wurde. Noch immer ist die Versuchung, die das Sichausnehmen, die geheime Lehre (welche auch immer), das heroische geistige Einzelgängertum ausüben, nicht genug zersetzt. Borchardt ist unter anderem ein Beispiel, an dessen Werk und Wirken wir erkennen können, wohin es führt. Allerdings gälte das nichts, wenn es nur das wäre. Aber er hat zugleich Zeugnis gegeben. Und dies Zeugnis allein ist das Kriterium, mit dessen Hilfe wir in dieser Zeit so etwas wie Poesie erkennen können. Wie voller falscher Attitüde erscheint das Spätwerk Benns gegen das Borchardtsche. Vielleicht am ehesten wären die Polemiken, das Drama und die Gedichte von Karl Kraus dem Werk Borchardts parallel zu setzen, bei aller Verschiedenheit der Temperamente und der Motive. Aus Kraus ein, wenn man so sagen kann, progressiver Konservativer, auch er am Anfang der dreißiger Jahre der Zweideutigkeit dem Faschismus gegenüber verdächtigt, auch seine Gedichte Zeugnis dessen, der es trotzdem ausgehalten hat (während Benn nur selten der Versuchung widerstehen kann, sich damit auch noch zu brüsten).

(Rudolf Borchardt. Auswahl aus dem Werk. Zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Helmut Heißenbüttel. Stuttgart: Ernst Klett 1968 S. 227f.)