Personalphilologische Forschung benötigt Anregung und Unterstützung. In den letzten zwei Jahrzehnten hat, vielfach provoziert durch die Edition der ›Gesammelten Briefe‹ [
mehr], die verstärkte wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk Rudolf Borchardts eine Reihe von Aufsätzen und Monographien hervorgebracht, die nicht darüber hinwegtäuschen wollen, daß bei den einfachsten philologischen Grundtatsachen noch immer Klärungsbedarf besteht. Wohl kein andere Autor der deutschen Moderne ist über Nacht so sehr in die Erörterungsmode gekommen und hat dabei der simpelsten Grundlagenforschung entbehren müssen wie dieser.
So ist gerade die noch kurze Geschichte der Erforschung Rudolf Borchardts bisher ein Musterbeispiel für den Verlust an historisch präziser Bemühung um einen »germanistischen« Gegenstand. Ein Forschungsbericht könnte heute allenfalls zahlreiche originelle Deutungsansätze bei Einzelfragen zusammentragen; die faktensichere Erörterung des Autors insgesamt bleibt noch immer ein Desiderat.
Zu den Aufgaben des Rudolf Borchardt Archivs gehört es auch, notwendige Recherche- und Publikationsvorhaben zu initiieren, nach Möglichkeit fachlich zu begleiten und die Ergebnisse zu veröffentlichen, um der bloß »interpretierenden« Bemühung endlich jene Basis zu verschaffen, der sie gelegentlich entbehrt.


