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Borchardts Millay und die Folgen

Der Aachener Lyriker Reinhard Kiefer (geb. 1956) hat nach der Lektüre der Dokumentation ›Die Entdeckung Amerikas‹ in seinem neuesten Gedichtband eine Kontrakfaktur zu Rudolf Borchardts Millay-Übertragung »Kindheit ist das Reich...« veröffentlicht:

kindheit ist ein reich in dem der tod nicht
herrscht sicher zuweilen sterben entfernte
verwandte an deren gesichter und namen man
sich nur mit mühe erinnert schliesslich tauchen
sie auf noch mal für einen augenblick unter
schwarzumrandeten couverts die man nachlässig
öffnet und deren inhalt man nur flüchtig liest

einmal im jahr standen ein onkel oder eine halbvergessene
tante in der tür und strecken lächelnd
einem eine faltige hand entgegen man griff sie gehorsam
harmlose gehirne für einen nachmittag bei kaffee und kuchen
(immer liessen sie braune flecken auf der schneeweissen
tischdecke zurück) meist folgte dann noch eine führung
durch haus und garten verstohlen sah man über die gartenzäune

tante elfriede sass fast einen sommertag lang unterm
birnbaum und legte auf dem wackligen holztisch karten
über die zukunft von dir und von mir über das ende von
zuckerstangen und hausaufgaben jeder von uns bekam eine zukunft
angeboten für die es sich lohnte dies reich zu verlassen
(und dabei wurde dem tod eine stätte bereitet)

(Reinhard Kiefer: ›nur die fenster im blick. Gedichte‹ (Aachen: Rimbaud Verlag 2005 S. 67; Lyrik Taschenbuch Nr. 48, 80 S., brosch., ISBN 3-89086-635-2, € 13,-). [www.rimbaud.de]

Borchardt als Blickfang

Das Thema ›Rudolf Borchardt und die Buchkunst‹ - und zwar jenseits aller säuselnden Bibliophilie -  ist erst in Ansätzen wirklich bearbeitet. Wie sehr auch hier die Materiallage einer kritischen Erstaufnahme und  Durchdringung bedarf, zeigt der stupende Band von Jürgen Holstein: ›Blickfang. Bucheinbände und Schutzumschläge Berliner Verlage 1919-1933. 1000 Beispiele, illustriert und dokumentiert‹ (Berlin: Jürgen Holstein 2005).

Der Verfasser dokumentiert auch die Ausstattung der seit 1920 erscheinenden Bändereihe ›Rudolf Borchardts Schriften‹ bei Ernst Rowohlt (ebd. S. 98; vgl. Grüninger 2002 Nr. 1a-g), außerdem die Produktion des Berliner Horen-Verlags von Hanns Martin Elster mit den Mathéy-Ausstattungen für Tilla Durieux´ autobiographischen Roman ›Eine Tür fällt ins Schloß‹ und Theodor Däublers Novellenband ›Bestrickungen‹  jeweils von 1928 (ebd. S. 116 und 238), analog zur Ausstattung von Rudolf Borchardts gleichzeitigem Essayband ›Handlungen und Abhandlungen‹  (ebd. nicht erwähnt; vgl. Grüninger 2002 Nr. 43 mit Abb. des Schutzumschlags S. [84]) und schließlich die Ausstattung des Bandes ›Ausgewählte Werke. 1900-1918‹ von 1925 bei Rowohlt als dem letzten - und abermals gescheiterten - Versuch einer Durchsetzung des Gesamtwerkes im Programm dieses Verlagshauses (ebd. S. 408; vgl. Grüninger 2002 Nr. 3).