Pia-Elisabeth Leuschner:
Die Form der Formen. Zur Werkeinheit von Rudolf Borchardts ›Gespräch über Formen und Platons Lysis Deutsch‹. Mit einem Exkurs über die Entstehungsgeschichte und unveröffentlichten Entwürfen aus dem Nachlaß, mitgeteilt von Gerhard Schuster.
Gesetzt in der 10 ½ 13. Bembo der Monotype Ltd. von 1929. ISBN 3-92983-07-0. € 15,-. (Juni 2007)
Rudolf Borchardts erste Buchveröffentlichung von 1905 besteht aus einem dichtungstheoretischen, von markanten angelsächsischen Einflüssen zeugenden ›Gespräch über Formen‹, das in einer historisch klar konturierten Gegenwart um 1900 geführt wird, und der Übersetzung des Platonischen Dialogs ›Lysis‹. Beide Werkflügel ergänzen sich wechselseitig zu einem ambitioniertem kulturpolitischen Projekt: die Jugend des Wilhelminischen Deutschland zukunftswirksam zur Denkweise dessen zu erziehen, der sich zeitlebens zum Praeceptor Germaniae aufwirft und stilisiert. Der Autor polemisiert dabei nicht nur gegen den Kulturverfall des 19. Jahrhunderts und insbesondere gegen die akademisch bestallte Philologie oder bestehende Übersetzungen und gültige Übersetzungstheorien. Er hadert konkret auch mit Rudolf Kassners (1873-1959) ›Lysis‹-Übersetzung desselben Jahres und gründet prospektiv einen grandios hochfahrenden Anspruch deutscher Kultur-Remedur vor allem auf die Antike-Rezeption Walter Paters. Der Text ist aber auch ein Werk über die Liebe – Liebe in einem sehr spezifischen Verständnis: als zwischen eros und philia zitternde Kompassnadel zur Bestimmung eines kulturpolitischen Reformkurses. Das gesamte kultur- wie übersetzungstheoretische Denken Borchardts ist hier bereits im Keim erkennbar. - Begonnen im Herbst 1900 und weitergeführt während der Phase einer unglücklichen Verliebtheit des Autors in »Vivian« bis zum Abschluß Ende 1902, hat das Manuskript zugleich eine komplizierte Verlags- und Wirkungsgeschichte ausgelöst – von der phasenreichen Niederschrift, wie sie die für diese Publikation erstmals zugänglichen Autographen spiegeln, bis hin zu Borchardts Bemühung, dem umstrittenen Neudruck von 1918 eine retrospektive Rechtfertigung beizugeben.
Die Autoren: Pia-Elisabeth Leuschner studierte Italienische und Englische Philologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an den Universitäten München, Köln, Canterbury und Venedig, u. a. mit einem Stipendium der Begabtenförderung des Freistaates Bayern. Von 1989 bis 2001 war sie an den Universitäten München und Köln beschäftigt und wurde 1999 mit einer komparatistischen Arbeit zur ›Musik in der englischen und deutschen Romantik‹ promoviert. 2001-2004 leitete sie die Münchner ›Lectura Dantis‹. Sie arbeitet für die Stiftung Lyrik Kabinett München sowie als Moderatorin und Publizistin; zahlreiche literaturwissenschaftliche Publikationen.
Gerhard Schuster (geb. 1956), Honorarprofessor an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, leitet das Rudolf Borchardt Archiv in Rotthalmünster. Herausgeber zahlreicher Editionen und Dokumentationen zur Literatur und Kunst der Goethezeit und der deutschen Moderne, darunter zu Hugo von Hofmannsthal, Harry Graf Kessler, Rudolf Pannwitz, Gottfried Benn.
Joachim Seng:
»Mitsprechende Gedankenwelt«. Paul Celan als Leser Rudolf Borchardts. Zugleich der Versuch, das Gedicht ›Andenken‹ zu verstehen.
Gesetzt in der 10 ½ 13. Bembo der Monotype Ltd. von 1929. ISBN 3-92983-07-0. € 15,-. (Juni 2007)
Früher und nachhaltiger als die »wissenschaftliche« setzt eine produktive Rezeption Borchardts bei Autoren ein, die sein Werk nach 1945 zur Kenntnis nehmen: ohnehin bei Werner Kraft und Theodor W. Adorno, die ihn seit Jahrzehnten lesen, vor allem aber bei so unverbunden nebeneinander und nacheinander in der Epoche stehenden Figuren wie Paul Celan, Helmut Heißenbüttel, Friedhelm Kemp, Botho Strauß, Franz Josef Czernin, Martin Mosebach oder Martin Walser. Der Auseinandersetzung Paul Celans mit Rudolf Borchardt in den Jahren 1954 bis 1960 geht Joachim Seng hier erstmals anhand bisher unbekannter Briefe, Entwürfe und der erhaltenen Arbeitsbibliothek nach. Dabei wird nicht nur die komplizierte Genese der Dankrede für den Bremer Literaturpreis vom 26. Januar 1958 rekonstruiert (der achtzigjährige Rudolf Alexander Schröder hätte die Zuerkennung des Preises gern verhindert), sondern auch die vielschichtige Entstehung des Gedichtes ›Andenken‹ aus dem Band ›Von Schwelle zu Schwelle‹ sichtbar – als das Ergebnis einer intensiven Lektüre von Borchardts ›Altionischen Götterliedern‹ aus dem Jahr 1924. Trotz einer Paul Celan jederzeit kritisch bewußten Distanz zu Borchardts Person und erst Recht zu seinen Lebensthesen, zeigt sich dabei, wie sehr diese punktuelle Wahrnehmung vor allem des Übersetzers nach Homer und auch Swinburne im Zeichen des von Celan auch sonst gern geübten »Zusammen-lesens« für das eigene Dichten fruchtbar werden kann. »Dieser erstaunliche Rudolf Borchardt!« lautet bezeichnenderweise sein wiederkehrender Ausruf. - Die Abhandlung erscheint zum 80. Geburtstag des mit Paul Celan befreundeten Dichters Klaus Demus, der ihn immer wieder auf Rudolf Borchardt hingewiesen hat.
Der Autor: Joachim Seng (geb. 1966), studierte Germanistik, Politologie und Volkswirtschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main. Promotion mit der Monographie »Auf den Kreis-Wegen der Dichtung«. Zyklische Komposition bei Paul Celan am Beispiel der Gedichtbände bis ›Sprachgitter‹ (Heidelberg: Universitätsverlag Winter 1998). Seit 1997 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Freien Deutschen Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum, wo er zunächst das Hofmannsthal-Archiv betreute und seit 2007 die Institutsbibliothek leitet.
David Oels:
»Denkmal der schönsten Gemeinschaft«. Rudolf Borchardt und der Germanist Walther Brecht. Mit unveröffentlichten Briefen und Dokumenten 1898 bis 1950.
Gesetzt in der 10 ½ 13. Bembo der Monotype Ltd. von 1929. ISBN 3-92983-07-0. € 15,-. (September 2007)
Daß sein Lebensweg von »Leichen« gesäumt sei, hat der Göttinger Klassische Philologe Friedrich Leo seinem Lieblingsschüler 1902 attestiert – und damit nicht nur die erotischen Verstrickungen des jungen Rudolf Borchardt bezeichnet, sondern auch auf jene Freundschaften hingewiesen, bei denen Borchardt zunächst der Gebende, aber schon bald ein Abwehrender gewesen ist. Auch der Literaturhistoriker Walther Brecht (1876-1950) gehört zu Jenen, die er während seiner Göttinger Semester umwirbt. Borchardt porträtiert ihn sprechend im »Harry« des ›Gesprächs über Formen‹ und plant sogar, Brecht mit der gedruckten Widmung seiner ›Rede über Hofmannsthal‹ als »Denkmal der schönsten Gemeinschaft« öffentlich zu ehren. Aber schon bald lockert sich die Verbindung, der Mentor geht über den Schützling hinweg, weil er sowohl dessen von Opportunismen nicht freie Universitätskarriere ablehnt wie auch seiner – in der Tat geringen – intellektuellen Leistungsfähigkeit wenig Verständnis entgegenbringt.
Brechts akademische Laufbahn führt ihn seit seiner Berufung an die Wiener Universität 1914 in den persönlichen Umkreis Hugo von Hofmannsthals, der sich von diesem Kathederphilologen eine wissenschaftlich gesicherte Deutung des eigenen Werkes erhofft und ihm deshalb (als erstem und einzigem Zeitgenossen überhaupt!) systematisch die Welt seiner Entwürfe eröffnet. Unvermittelt sieht Borchardt sich in den Zwanziger Jahren dem belächelten Hausgenossen von einst als künftigem Nachlaßverwalter gegenüber, der noch dazu 1927 das Wettrennen um die Besetzung des Münchener Lehrstuhls für Deutsche Philologie gewinnt – als ein von Hofmannsthal lancierter Kompromißkandidat zudem, und anstelle des von Rudolf Borchardt selbst so energisch forcierten Josef Nadler. Nach Hofmannsthals Tod 1929 proklamiert Borchardt, der dessen Gesamtwerk wie keiner seiner Zeitgenossen in lebenslanger Interpretation durchdrungen hat, zwar die Forderung nach einer Historisch-kritischen Werkausgabe und einer Hofmannsthal-Gesellschaft samt »Studiencentrale« in Rodaun, muß aber schon bald bemerken, daß der »arme Hase« Walther Brecht die Erschließung der hinterlassenen Papiere eher verzögert, und jedenfalls ihre Benutzung für andere Interessenten – etwa wiederum Nadler – geradezu sperrt. Durch seine Heirat 1913 mit Erika Leo, der Tochter von Friedrich und Cécile Leo, »jüdisch versippt«, verfällt Brecht 1937 der Zwangsemeritierung und stirbt, nach langen Jahren der Unproduktivität und schwerer Krankheit, 1950 in München.
Auf der Grundlage bisher unveröffentlichter Materialien wird diese spannungsreiche Geschichte der Befreundung und Verfeindung zwischen Borchardt und Brecht im Zeichen ihrer gemeinsamen Hofmannsthal-Rezeption hier erstmals minutiös rekonstruiert und zugleich aus wissenschaftshistorischer Perspektive ein Lebensbild des Literaturwissenschaftlers entworfen. Das Heft enthält neben einer vollständigen Bibliographie seiner Veröffentlichungen und unbekannten Photos auch sämtliche erhaltenen Dokumente aus der gemeinsamen Korrespondenz mit Rudolf Borchardt zwischen 1902 und 1938.
Der Autor: David Oels (geb. 1972) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2002 diverse Publikationen im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt »Das populäre deutschsprachige Sachbuch im 20. Jahrhundert« in Berlin und Hildesheim (www.sachbuchforschung.de). Mitherausgeber der Zeitschrift Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen. Zuletzt erschien von ihm (zusammen mit Christoph König) herausgegebene Briefwechsel zwischen Hugo von Hofmannsthal und Walther Brecht (Göttingen: Wallstein 2005; Marbacher Wissenschaftsgeschichte, Band 2).
Ernst T. Harbricht:
»Ein Heldentenor der Weltgeschichte«. Erinnerungen an Rudolf Borchardt 1898 bis 1990. Ausgewählt und zum Porträt geordnet.
Gesetzt in der 10 ½ 13. Bembo der Monotype Ltd. von 1929. ISBN 3-92983-07-0. € 15,-. (September 2007)
Stupend, eigenwillig, nicht selten verdächtig und fast immer rätselhaft, so wirkte Rudolf Borchardt auf seine Zeitgenossen. Etliche haben seit 1898 über ihre Begegnungen mit ihm berichtet. Eine Auswahl dieser höchst verschiedenen Äußerungen bietet das vorliegende Heft – von Jugenderinnerungen der Geschwister über verblüffte Berichte von Zuhörern bis zu der lebenslang in Träumen fortgesetzten dichterischen Schürfarbeit Werner Krafts. Gerade der Originalton dieser vielfach nicht zur Veröffentlichung bestimmten Aufzeichnungen (die oft genug kritische Untertöne haben) zeigt Borchardts Charakter von zuweilen ungeahnter Seite.
Der Herausgeber: Ernst T. Harbricht (geb. 1922) studierte Klassische Philologie Germanistik und Philosophie in Göttingen, Wien und Zürich. Lange Jahre als Bibliothekar, Kulturhistoriker und Bibliograph tätig, davon ein Jahrzehnt in Boston (Mass.) und State College (Pa.), wo er dank der Bekanntschaft mit Herbert Steiner nach 1943 zum Borchardt-Verehrer wurde. Er beriet auch Alfred W. Beerbaum bei dessen ›Biographical and Bibliographical Study‹ (New York University 1949). Seine umfangreiche Sammlung ist dem Rudolf Borchardt-Archiv zugesagt. Harbricht veröffentlichte u.a. ein ausführliches Register zu G. A. E. Bogengs Standardwerk ›Die großen Bibliophilen‹ von 1922; er lebt heute in Basel und südlich von Otranto.

