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Das Vierte Gebot

Auch der Göttinger Literaturwissenschaftler Christian Wagenknecht faßt die Neuausgabe von Borchardts ›Jamben‹ (vgl. Januar 2005) als Sachbeschädigung auf. In der neuesten Ausgabe seiner renommierten ›glõssen‹ vom Juni 2005 heißt es unmißverständlich:

DAS VIERTE GEBOT – Wer einmal von Theodor W. Adorno und Peter Szondi geschätzt worden ist, sollte diese seltene Ehre nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Was aber tut Professor Elisabeth Lenk (Hannover) mit ihrer Ausgabe von Borchardts ›Jamben‹ aus dem Jahre 1935? Man würde Stunden brauchen, um sämtliche Mißgriffe auch nur in Stichworten zu korrigieren, die ihr auf den fünfzig Seiten ihres Nachworts unterlaufen sind. Hier muß eine kurze Liste genügen. Adorno hat 1968 keine »Anthologie über das verschollene Werk von Rudolf Borchardt« herausgegeben, sondern bloß eine Auswahl aus dessen Gedichten, und er hat in der Einleitung dieses Bandes nicht »als erster in der Nachkriegszeit Borchardts Werk als ganzes gewürdigt«, sondern damit nur die Bemühungen von Hans Hennecke (1954), Rudolf Alexander Schröder (1955) und Werner Kraft (1961) auf seine Weise fortgesetzt. Borchardts Jugendwerk von 1905, das Elisabeth Lenk »eine erfundene Bibel-Apokryphe« nennt, heißt in keiner Ausgabe ›Das Buch Joram. Geschichte eines Heimkehrenden‹, und der eine Satz, den sie aus den ›Aufzeichnungen (recte: der Aufzeichnung) Stefan George betreffend‹ zitiert, enthält in ihrer Wiedergabe ungefähr ebenso viele Fehler wie Zeilen. Die erste Ausgabe der ›Jamben‹ sei 1967 bei Klett in Stuttgart »nur für Eingeweihte« erschienen, offenbar weil die Auflage auf 1000 (freilich numerierte) Exemplare beschränkt gewesen ist, und Adorno habe in seiner Auswahl das Gedicht ›Urlaub‹ zweimal gebracht, während sie doch nur zwei Gedichte mit der gleichen Überschrift enthält. Im übrigen soll Borchardt (von wem auch immer) »als unumgänglich geschmäht« worden sein und ein »sprichwörtlicher Satz« von Karl Kraus gelautet haben: »Zu Hitler fällt mir nichts ein«. Ebenso töricht ist beinahe alles, was Elisabeth Lenk dann zur Interpretation des Zyklus vorzubringen hat. Wenn Ovid zu Beginn seiner Liebesgedichte Cupido spaßhaft beschuldigt, er habe jedem zweiten Vers eines geplanten Heldengedichts einen Fuß gestohlen, also den fälligen Hexameter in einen Pentameter, das Epos in eine Elegie verwandelt, soll er sich in Wahrheit über den Diebstahl nur »der letzten Silbe« beschwert haben. Und zwar warum? Weil in Borchardts Eingangsgedicht an Cupido einmal (!) gleichfalls eine Silbe (aber innerhalb des Verses) zu fehlen scheint. Und wen wohl redet der tote George aus der ›Unterwelt hinter Lugano‹ als »Wanderer« an, der »italisch ernährt zu der Hexenküche Deutschland« zieht? Nicht etwa einen von Borchardts deutschen Besuchern (zum Beispiel Rudolf Alexander Schröder), sondern, wie Elisabeth Lenk gegen alle hermeneutische Wahrscheinlichkeit versichert, Rudolf Borchardt selbst. So viel Schande hätte sie ihren Lehrern wirklich nicht antun müssen.

(glõssen. als handschrift für freunde gedruckt. fünfunddreißigste lieferung/[Göttingen] im juni 2005 S. 10f.).