Gewissermaßen Kolumbus
Die Entdeckung Amerikas. Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent Millay. Gedichte, Übertragungen, Essays. Hrsg. von Gerhard Schuster. Mit Beiträgen von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp (München: Lyrik Kabinett 2004; Lyrik Kabinett Band 4). ISBN: 3-9807-150-3-5. Zu beziehen über den Buchhandel oder direkt bei der Stiftung Lyrik Kabinett München zum Preis von € 28.- [
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Europa habe »seit einem Menschenalter eine solche Sammlung von Meisterwerken nicht mehr erlebt«, bekundet Ende 1933 Rudolf Borchardt nach der Lektüre von Gedichten der Amerikanerin Edna St. Vincent Millay (1892-1950). Was sich in den nachfolgenden Jahren vollzieht, ist nicht nur in Borchardts Werkgeschichte singulär, sondern bedeutet auch für die produktive Rezeption amerikanischer Poesie in deutscher Sprache ein Unikum allerhöchsten Ranges. Übertragungen ausgewählter Texte, ein brillanter Essay unter dem Titel ›Die Entdeckung Amerikas‹, eine lyrische Anrede Borchardts und ein Briefentwurf an die bewunderte Autorin künden von einer Beeindruckung, deren sprachliche Wirkung bis in die gleichzeitige zeitkritische Poesie der ›Jamben‹ dieses Dichters reicht. Die Edition stellt erstmals Borchardts Übertragungen den Grundtexten gegenüber, bietet außerdem zugehörige Dokumente aus dem Nachlaß und mit drei Beiträgen von Gerhard Schuster, Friedhelm Kemp und Barbara Schaff weitere Ansatzpunkte für eine Interpretation.
Wolfgang Matz rühmt den »bewundernswert und mit unerschöpflicher Kenntnis edierten Band«, der wieder einmal vor Augen führe, »was große Poesie war, ist und sein muß«. Nämlich keine einzelnen Meisterstücke isolierter Genies, sondern ein »Kraftfeld, eine Welt von Einflüssen, Wirkungen, Ausstrahlungen, in denen jedes Aufgenommene sich wieder produktiv wenden muß.« (Die Zeit, Sonderbeilage Literatur Nr. 12 vom 17. März 2005 S. 30) Alexander Kissler lobt, daß die »souveräne Edition« die »verästelten Wege einer seltsamen Seelenverwandtschaft« offenlege (Süddeutsche Zeitung Nr. 6 vom 10. Januar 2005 S. xx). An den Texten des Bandes liest Patrick Bahners ab, wie Borchardt das »rettende Land der Freiheit« in Besitz genommen und sich gleichzeitig in die »innerste Emigration«, in den Schutzraum einer privatmythologischen Hermetik zurückgezogen habe. (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 6 vom 8. Januar 2005 S. 44). Hanno Helbling gesteht eine »lehrreiche Lektüre« zu, egal ob man nun die Ansicht Borchardts über die Bedeutung der Dichterin nun eigentlich teile oder nicht. (Neue Zürcher Zeitung, Nr. xx vom 4. Dezember 2004)

