Besorgt von Rudolf Borchardt. Aus dem Nachlaß rekonstruiert und hrsg. von Stefan Knödler. Edition Tenschert bei Hanser 2007, 579 S., geb. EUR 54. - Mit einem farbigen Umschlag nach Lucas Cranachs d. Ä. Gemälde ›Der Jungbrunnen‹. ISBN 978-3-446-23033-0
Rudolf Borchardts berühmten Anthologien wie dem ›Ewigen Vorrat deutscher Poesie‹ von 1926 tritt mit diesem Band eine neue an die Seite - wie durch ein Wunder. Bisher unentdeckte Materialien ermöglichen die Rekonstruktion einer Sammlung deutscher Liebesgedichte des 16. Jahrhunderts, die in den Zwanziger Jahren für die Bremer Presse unter Borchardts Anleitung zusammengetragen wurde - als erster Teil einer auf vier Bände angelegten Sammlung der deutschen anonymen Poesie des 15., 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Ihre Quellen - meist kostbare Frühdrucke - sind durch Kriegseinwirkung inzwischen meist unerreichbar geworden.
Dabei sind die rund 250 Lieder nichts weniger als antiquierte Quisquilien: sinnlich, frech und wie eben improvisiert klingen diese zumeist für Musik geschriebenen Stücke, charmant und brünstig, melancholisch und augenzwinkernd, ein Reigen von Versen an das »Mysterium Frau«, die nichts von ihrer Ursprünglichkeit und Frische verloren haben. Borchardts Anthologie erschließt zugleich einen bis heute, wie die Fachwelt bestätigt, verschollenen Kontinent der deutschen Literaturgeschichte zwischen Mittelalter und Barock.
Die Sammlung wird nach der von Rudolf Borchardt beabsichtigten Anordnung wiedergegeben. Ein kritischer Apparat bietet Vorlagen und Varianten, das Nachwort zeichnet die biographische Relevanz für Borchardts Werk ebenso nach wie die Bedeutung des Planes in der Traditionsdebatte der Zwanziger Jahre.
Der Herausgeber: Stefan Knödler (geb. 1974), Studium der Germanistik und Anglistik in Stuttgart, Schüler von Heinz Schlaffer. Seine Edition entstand im Auftrag des Rudolf Borchardt Archivs.

